Dieses Archiv widmet sich der Rolle des Weiblichen, der (cis und trans) Frauen, Transvestiten, Tunten, aller sich weiblich definierender Menschen.
Hier sind ihre Geschichten.
Seit Jahrhunderten tickt St. Pauli anders: Als ›Große Freiheit‹ für verschiedene Religionen und für Menschen aller Länder, als freizügiger Ort für Lust und Freude bietet die frühere Vorstadt rund um den Hamburger Berg den unterschiedlichsten Menschen eine Heimat und ein Experimentierfeld für die verschiedensten sozialen und künstlerischen Utopien

Katharina
Bild:
Eckart Bühler
Katharina – bürgerlich Johann Mann
Katharina wurde am 23. November 1930 in Wien geboren und starb am 11. Dezember 1998 im ICE auf der Reise von Wien nach Hamburg. Katharina führte ein Doppelleben als linker Journalist in Wien und als Wirtin des „Toom Peerstall“ in der Clemens-Schultz-Straße.
Eine Erinnerung an das Lokal aus dem Roman „Diffuses Licht“ von Olav Meyer-Sievers, erschienen 2015:
„Klein, dunkel, schmuddelig und brechend voll. Hier traf sich eine bunte Mischung aus Alternativen, Hausbesetzern und Schwulen. Die Wirtin war eine wohlbeleibte ältere Dame mit sehr tiefer Stimme und leichtem Bartansatz. […] Gin Tonic bestand mindestens aus vier Fünfteln Gin und höchstens einem Teil Tonic. An der Musicbox konnte man per Münzeinwurf ein wildes Programm aus Rocksongs, alten deutschen Schlagern, Neuer Deutscher Welle und Music aus aller Welt zusammenstellen. […] ich drückte an der Musicbox die Ziffern für Smooth Operator von Sade, Pata Pata von Miriam Makeba und Non, je ne regrette rien von der Piaf.“
Die Storys über sie sind so zahlreich wie die Lurex-Fäden in ihrem Pullover. Dass sie, mit kräftiger Figur und auch gern Trachtenjacken tragend, bei einer Kneipenschlägerei selbst über den Tresen sprang, um die Kampfhähne auseinanderzubringen. Wie sie überhaupt alles selbst regelte. Wie sie österreichische Käsekrainer unter dem Rock nach Hamburg schmuggelte. Wozu sich faktenbasiert nur sagen lässt, dass Käsekrainer Schweinefleisch-Brühwürstchen mit Emmentaler-Bröckchen drin sind. Enge und intensiver Körperkontakt waren quasi Markenzeichen des Lokals. Die Gäste-Mischung: LGBTIQ. (Ein Kürzel, das für lesbische, schwule, bisexuelle, transgender, queere, intersexuelle und asexuelle Menschen steht. Und das damals noch nicht existierte.) Im Nachruf des schwulen Stadtmagazins „hinnerk“ vom Januar 1999 heißt es:
„Dort saß sie, ebenso freundlich wie geschäftstüchtig („Was kann ich Dir antun?“) hinter dem Tresen, rechts in Griffnähe ein Glas Johnny Walker, den linken Arm auf eine Keksdose abgestützt, eine Zigarette balancierend.“
Neben dem „Peerstall“, der immer nur „bei Katharina“ hieß, betrieb sie ein Lokal namens „Posthorn“ in derselben Straße. Dort servierte Katharina Wienerisches – neben Mehlspeisen (Backwerk) und riesigen Wiener Schnitzeln auch Literarisches mit ihren Lieblingsautoren Friedrich Torberg und Hugo Wiener. Das kleine, schlauchartige Lokal mit dem Reetdach über dem Tresen, der Musicbox und dem Flipper beherbergte von 1919 bis 1965 eine andere St.-Pauli-Legende: Christian Warlich, selbsternannter „König der Tätowierer“, betrieb vorne die Kneipe, hinten ein hochmodernes Tattoo-Studio. Warlichs Reklame-Slogan 1927: „Alles, was der männliche Körper ausdrücken soll, steche ich ein: Politik, Erotik, Athletik, Aesthetik, Religiös!“ und das Versprechen: „Meine Tätowierungen dauern über den Tod hinaus.“ Anfang der 1980er Jahre übernahm Katharina, Gewerbeanmeldung: 24. Februar 1981. Auf dem Formular: österreichische Staatsbürgerschaft, Vorname: Johann, genannt Katharina. In Wien gab sie als er ein Anzeigenblatt heraus und mischte in der Lokalpolitik mit. Zeitweise arbeitete er als Sekretär für den sozialdemokratischen österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky (Kreisky regierte von 1970 bis 1983).
In den 1970er und 1980er Jahren war „Fummel-Trine“ ein gängiger Ausdruck für „Transen“. Ein Trans-Vestit ist ein Hinüber-Kleider: trans = hinüber und vestire = kleiden.
Katharina hatte als Nachfolgerin Vera (Werner) Helm erkoren, die den Weg einer operativen Geschlechtsangleichung beschritt. Einmal trat Katharina übrigens doch in Hamburg als Mann auf: auf der Bühne des Schmidts Tivoli 1995 als Kaiser Franz Josef II. in der klamottigen Operette „Im Weißen Rößl“. Mit angeklebtem Bart.
Über Katharina (Johann Mann) gibt es wenig Literatur.
Empfehlenswert ist das Buch
Bernhard Rosenkranz, Gottfried Lorenz, Hamburg auf anderen Wegen. Die Geschichte des schwulen Lebens in der Hansestadt
Hamburg 2005 (Lambda Verlag)
… hier ein Abschnitt über das „Toom Peerstall“

Astrid
Kirchherr
Bild:
Stiftung
Günter Zint
Astrid Kirchherr
Geboren am 20. Mai 1938 in Hamburg, gestorben am 12.5.2020 in Hamburg.
Fotografin.
"Weil wir eigentlich nichts anderes als kleine Kinder waren, bestand unsere Philosophie einfach daraus, schwarze Kleidung zu tragen und mürrisch auszusehen. Natürlich hatten wir keine Ahnung, wer Jean-Paul Sartre war. Wir wurden von allen französischen Künstlern und Schriftstellern inspiriert, denn das war das nächste, was wir bekommen konnten. England war so weit weg und Amerika kam nicht in Frage. Also war Frankreich das nächste... Wir wollten frei sein, wir wollten anders sein und versuchten cool zu sein, wie wir es jetzt nennen." Astrid Kirchherr, BBC-Interview 1995
Hamburgs beste Beatles-Kennerin, Stefanie Hempel, meint ja, daß alle Beatles in Astrid Kirchherr verliebt gewesen seien. Nicht deshalb wollen wir an sie erinnern. Obwohl: wer heute, über 60 Jahre später, Fotos dieser ernsten jungen Frau betrachtet, in schwarzes Leder gekleidet, kurzgeschnittene helle Haare, kann sich sofort über alle Zeiten hinweg in sie vergucken. Berühmt gemacht haben sie Schwarz-Weiss-Aufnahmen der fünf blutjungen Musiker, die sie auf St. Pauli porträtierte. Die später als „Fab Four“ (Lennon, McCartney, Starr, Harrison) berühmten waren in ihren Hamburger Jahren zu Fünft. Es waren die musikalisch prägenden Jahre, die sie erwachsen werden liessen. In den fünften, den Bassisten Stuart Sutcliffe, verliebte Kirchherr sich auf den ersten Blick. Sie schätzte guttaussehende Männer – und sie wollte sie fotografieren. Es war ihr Beruf und ihre Leidenschaft. Kirchherr inszeniert die fünf jungen Männer in Innenräumen und auf dem Kiez. Sie ist es auch, die dem ersten Beatle, dem Mann am Bass mit der Ray Ban Brille, die „Pilzkopffrisur“ schnitt. Die anderen Jungs übernahmen den Look. Vorher pomadisierten sie sich den Schopf nach Rockn Roller Art nach hinten.
Danach, nach den 1960er Jahren hat sie kaum noch fotografiert. Das hatte zwei Gründe: erstens wollte alle immer nur noch Beatles-Fotos von ihr. Die Verbindung zu den späteren Weltstars war so eher ein Fluch. (Sie versäumte es bis in die 1990er Jahre, sich die Bildrechte zu sichern.) Und zweitens war es in den 1960er Jahren für eine Frau sehr schwer, als Fotografin akzeptiert zu werden. Sie arbeitet in der Gastronomie, der Hotel- und Musikbranche.
Was prägte diese den Style der Beatles prägende Fotografin? Kirchherr studierte von 1957 bis 1960 an der Meisterschule für Mode (heute HAW, Department Design). Vorher hatte sie schon eine Ausbildung zur Hutmacherin gemacht. Sie kam aus bürgerlichem Elternhaus. Wenn ihr damaliger Freund sie nicht wg. der aufregenden neuen Band, die im Kaiserkeller auftrat nach St. Pauli mitgeschnackt hätte, wär sie niemals ins raue und verrufene St. Pauli gegangen. Dort trafen zwei sehr unterschiedliche Szenen auf-einander: die eher proletarischen Rocker mit Elvis-Tolle und die bürgerlich fein-geistigen schwarz gekleideten „Exis“. Ausdruck von Rebellion war beides. Kirchherr und ihre Clique wollten mit einer „kleinen unschuldigen Revolution“ der (Nazi-)Vergangenheit und der „Last der Schuld, die wir alle trugen“ etwas entgegensetzen.
Sutcliffe war die Liebe ihres Lebens. Er war wegen der Liebe zu ihr und der Liebe zur Kunst und in Hamburg. Er studierte an der Hamburger Kunsthochschule. Im April 1962 erlag er mit 21 Jahren im Krankenwagen einer Gehirnblutung. Astrid Kirchherr war bei ihm.

Marietta Solty
Bild:
Mauricio
Bustamante
Marietta Solty
Geboren 1942 in Hamburg, gestorben am 8. Juni 2021 in Hamburg;
Wirtin der Hong Kong Bar am Hamburger Berg
„Mein Vater kam aus China, meine Mutter kam aus Polen – ich bin hier aufgewachsen.“
(aus dem Film „Fremde Heimat“, 2010) Ihre Warnung vor Rassismus und Gewalt im Film …
Ihr Überleben war großes Glück. Ihre Mutter versuchte, sie loszuwerden und verließ bald nach der Geburt Mann und Kind, um mit einem Kapitän in die USA zu gehen. Xue Fang - das bedeutet „wohlriechende Schneeflocke“ nennt Vater Chong Tin Lam das im Jahr des Pferdes geborene Mädchen. Als sie zwei ist, setzt er sie mit einem Schild um den Hals in den Zug nach Heidelberg zur Schwester seiner damaligen Freundin. Dadurch entgeht Marietta der „Chinesenaktion“ im Mai 1944, der Verschleppung von 128 chinesischen St. Paulianern und vielen ihrer deutschen Freundinnen. Etwa 30 deutsch-chinesische Paare lebten hier. Deutsche Mädchen schätzten an den chinesischen Seeleuten, Köchen und Wäschern ihr gepflegtes Äußeres und einen deutlich geringeren Alkoholkonsum. Auch Mariettas Vater wird von der Gestapo verschleppt und gefoltert, sein Lokal geplündert. Er überlebt Gefängnis und Lagerhaft in Kiel. Danach vermag er niemandem mehr zu vertrauen und spricht kaum noch Deutsch. Da es sich um eine „normale polizeiliche Aktion“ gehandelt habe, erhalten die Überlebenden keine Entschädigung.
Marietta besucht die Volksschule in der Seilerstraße und pendelt zwischen Heidelberg und Hamburg. Gern wäre sie Modezeichnerin geworden, doch das Leben spülte sie woanders hin. Nach Arbeit als Verkäuferin, Rechtsanwaltsgehilfin und Bedienung in einem Nachtclub in der Großen Freiheit ist sie zehn Jahre lang mit einem Binnenschiffer liiert und zwischen Berlin und Amsterdam unterwegs. Gewalt und Alkoholismus zerrütten die Beziehung, die zwei Töchter zieht sie im Grunde alleine groß. Nach dem Tod eines neuen Partners, mit dem sie eine weitere Tochter hat, bleibt sie allein. „Bei mir ging nie was einfach.“ Vielleicht sprach sie deshalb etwa atemlos. Sie war eine der ältesten und bekanntesten Wirtinnen auf St. Pauli. Wer in der Hong Kong Bar auf dem Hamburger Berg einen feurigen „Mexikaner“ zu sich nimmt, kann wissen, daß das Lokal mit Hotel (13 Zimmer ohne die Zahl 13) das letzte Relikt des kleinen Hamburger „Chinatown“ auf St. Pauli ist. Die Tafel rechts neben dem Eingang brachte sie selbst an. Das St. Pauli Archiv stellte auf dem heute unbebauten Grundstück an der Schmuckstraße eine Infotafel auf, die, immer wieder beschmiert, an das einstmals lebendige Zusammenleben im Arbeiter- und Matrosenviertel erinnert. Solty setzte sich auch für die Verlegung von 13 Stolpersteinen für Chinesen ein.
Ein Onkel ihres Vaters gründete 1925 das Vorgängerlokal mit authentischer kantonesischer Küche. Hier wurde auch getanzt. In den ärmlichen Häusern, z.T. auch in Kellern der damaligen Heinestraße und Schmuckstraße lebten Chinesen aus dem Süden des Landes. Vater Chong Tin Lam kam mit 19 im Jahr 1926 das erste mal nach Hamburg, er war da schon einige Jahre als Koch zur See gefahren und hatte in China eine Familie. Nach dem Tod ihres Vaters 1983 übernahm Marietta Solty das Lokal. Wie viele Kinder von Überlebenden bedauert auch sie: „Ich habe als Kind gar nicht verstanden, was er erlebt hat. Später hatte ich eine eigene Familie und eigene Probleme. Heute denke ich: Wenn ich doch mehr gefragt hätte.“ Immer wieder warnt sie in Interviews und Filmen vor Gewalt gegen „Fremde“ und der Unfähigkeit, aus der Geschichte zu lernen. Mariettas letzter Wunsch nach einer Seebestattung konnte, dank eines Insta-Crowdfunding ihrer Enkelin Laura, erfüllt werden.
https://www.elbe-wochenblatt.de/2018/06/27/portraet-marietta-solty-betreibt-die-hongkong-bar-auf-st-pauli/#8230
https://www.abendblatt.de/kultur-live/article107724633/Auf-Spurensuche-Ein-Stueck-China-auf-St-Pauli.html
https://taz.de/Das-Montagsinterview/!5083357/
Filme u.A.
„… bis die Gestapo kam. Das „Chinesenviertel“ in St. Pauli“, 2020, 60 Minuten, Bertram Rotermund und Rudolf Simon
www.fremde-heimat.de
Grundlegend über das Hamburger Chinesenviertel die Arbeiten von Lars Amenda, z.B. „China in Hamburg“, Hamburg 2011

Grete
Petersen
Bild:
Ebru
Durupinar
Grete Petersen – ein fiktiver Lebenslauf
Geboren am 20. Juli 1644 in Hamburg, dort gestorben am 22. Dezember 1694. Grete Petersen war „Krankenwärterin“ im Pesthospital auf dem Hamburger Berg.
Stellen wir uns eine „Wärterin“ vor, die im Jahre 1684 im Hamburger Pesthof arbeitete. Knapp 80 Jahre vorher wurde der Pesthof eröffnet. Um die 200 Insass:innen hatte der Pesthof zumeist – und vermutlich waren nur sehr wenige von ihnen an dem erkrankt, was wir heute „Pest“ nennen. Wir stellen uns vor, dass Grete mit ihrer Schwester Anna und deren unehelichem Kind in einer Kammer in einem hüttenähnlichen Gebäude in der Nähe wohnte. Vielleicht da, wo heute die Gilbertstraße ist. Wenn es sie gab, begegnete sie Catharin Rosenbrock, die 1684 aus dem Spinnhaus an der Binnenalster in den Pesthof auf dem Hamburger Berg (also heute St. Pauli) verbracht wurde.
Die Anstalt wurde mehrfach baulich erweitert und 1797 in „Krankenhof“ umbenannt. Der Pest- bzw. Krankenhof war die Vorläufer-Einrichtung des 1821 gegründeten Allgemeinen Krankenhauses St. Georg. Vom Pesthof ist nichts übrig geblieben – es sei denn, wir glauben, dass unter der Kneipe „Möwe Sturzflug“ noch die Gewölbe desselben vorhanden sind. (Die stimmungsvolle Location stammt aus späterer Zeit.) Im Winter 1813/1814 wurde nämlich die gesamte Vorstadt St. Pauli dem Erdboden gleichgemacht. Der Zweck dieser Zerstörung war die Schaffung eines freien Schussfeldes für die Verteidigung der napoleonisch besetzten Stadt. Heute spielen Kinder auf dem ehemaligen Gelände des Pesthofs, dem Paulinenplatz.
Zentrum des Pesthofs war die Kapelle. Vielleicht ein Bild für das Leben und besonders für die Arbeit der Krankenwärterin Grete. Grete und ihre Schwester Anna waren eheliche Kinder der Eheleute Petersen, die während des Dreißigjährigen Krieges aus dem Braunschweigischen nach Hamburg zugewandert waren. 1684 galt die 40-jährige Grete als alte Frau. Als junges Mädchen war sie einmal von einem Seemann, den sie ein paar Mal getroffen hatte, schwanger geworden. Das Kind war kurz nach der Geburt an einer Infektion gestorben. Auch sie hatte heftig gefiebert im Kindbett. Grete hielt sich seitdem von Männern fern, das Risiko war einfach zu groß. Sexualität außerhalb der Ehe war strafbar – und sowieso eher gewaltförmig, rau auf jeden Fall. Es war wichtig, darauf zu sehen, dass diese Kontakte einen Vorteil für die Frau brachten – bei ihrer Schwester, die in einem Wirtshaus arbeitete, war das der Fall. Heute gibt es dafür den Begriff der „Gelegenheitsprostitution“. Eine Eheschließung war Frauen der Unterschicht selten möglich, denn der Pastor musste hier zustimmen. Voraussetzungen waren ein keuscher Lebenswandel und eine zumindest schmale materielle Basis.
Eigentlich ging Grete gern in die Kirche, sie sang gern und konnte gut beten. Nur dauerten ihr die Gottesdienste und besonders die Predigten meist zu lang. Grete konnte gut zählen, ein wenig rechnen und ihren Namen schreiben. Der Provisor des Pesthofes hatte sie vor zwei Jahren eingestellt, da sie als „alte Frau“ als vor Ansteckung gefeit galt. Nach der herrschenden „Säftelehre“ waren alte Frauen „kalt und trocken“. Ein in sich stimmiges System – ist das Gleichgewicht der vier Elemente Blut, Gelbe Galle, Schwarze Galle und Schleim gestört, kommt es zum Krankheitsfall. Sauberkeit spielte keine große Rolle – Wasser war eher gefährlich, da es in den Körper eindringen kann. Von 1712 haben wir einen „Eyd der Wärterinnen“, den Grete vermutlich so ähnlich auch nachsprechen musste. Nach der Treueverpflichtung gegenüber dem Rat und der Stadt Hamburg hieß es: "Ich will aber insonderheit, da ich zur Wärterin im Lazareth bestellet bin, die Armen Inficirten fleißig und treulich verpflegen und mich dabey keine Mühe, Verdruß, Sorge und Gefahr verdriessen lassen, ich will auch fleißig mit ihnen beten und singen und sie zur Beichte und Communion vermahnen." Erst nach dem Singen und Beten folgt das Versprechen, "die verordnete Medicamenta ihnen zu rechter Zeit wie auch Speise und Tranck verordneter massen" zu reichen.
Hatte Grete nicht ernsthaft genug gebetet, wenn die Kranken ihr wegstarben? Oder hatte es ihnen am ernsthaften Glauben gefehlt? Sicherer war in Pestzeiten das Anzünden von Feuern mit Wacholder, Fichten und Tannen. Auch zuhause konnte man nachhelfen mit dem Abbrennen von Majoran und Eibe.

Catharin
Rosenbrock
Bild:
Staatsarchiv Hamburg
Catharin Rosenbrock (3880 mit)
Geboren 1642 vermutlich in Hamburg. Sie wurde am 5. Januar 1684 ins Spinnhaus an der Binnenalster eingeliefert und am 12. Januar desselben Jahres in den Pesthof auf St. Pauli (damals Hamburger Berg) verbracht. Catharin Rosenbrock hatte zwölf Jahre als Mann Soldatendienst geleistet und war zur See gefahren.
„[…] wegen ihres übeln verhaltens und Gottlosen Lebens halber, auch wegen verleuchnung ihres weiblichen Geschlechts […]“ Begründung im Gefangenenbuch des Hamburger Spinnhauses für die Festsetzung Catharin Rosenbrocks, 5. Januar 1684.
Es ist wenig über sie bekannt. Eigentlich nur dies: Catharin Rosenbrock wurde auf Betreiben ihrer Familie ins Spinnhaus eingeliefert, weil sie die Geschlechtergrenzen übertreten hatte. Ein Prozess fand nicht statt. Was nun war das für eine Einrichtung, in die Rosenbrock gesteckt wurde? Der Hamburger Senator Peter Rentzel stiftete 1660 das Spinnhaus, „damit alsolche boshafte Personen darin gebracht, zur Gottesfurcht und zur Arbeit angewiesen und von ihrem zeitlichen und ewigen Verderb errettet werden möchten“. Der hochgeschätzte Baumeister Hans Hamelau entwarf den Bau an der Binnenalster. Korinthische Säulen, also Säulen mit Blattwerk-Schmuck, kündeten vom edlen Zweck der Einrichtung. Das Spinnhaus finanzierte sich durch die Zwangsarbeit der Insass:innen. Die dort Eingesperrten hatten grüne Anstaltskleidung zu tragen. Sie mussten Wolle kratzen, spinnen und weben. Auch Kinder ab dem Alter von fünf Jahren wurden hierhin verbracht. Doch insbesondere die weiblichen Gefangenen waren vor allem „Frauen, deren Lebensweise nicht den moralischen und sittlichen Vorstellungen der damaligen Zeit entsprach. Vor ihrer Aufnahme ins Spinnhaus waren sie bereits bestraft, z. B. an den Pranger gestellt und öffentlich ausgepeitscht worden.“ So Rita Bake in ihren wegweisenden Forschungen über historisches Hamburger Frauenleben.
Die Festsetzung Rosenbrocks geschah „auff keine Jahre“, was so viel bedeutet wie „auf unbestimmte Zeit“. Es war nicht ungewöhnlich, dass Verwandte für eine Verbringung in die Anstalt sorgten. Kriterium war nicht unbedingt Strafbarkeit, sondern Missliebigkeit, d. h. ein nicht angepasstes Leben. Catharin Rosenbrock wurde „auf der Schlöpe“, einer Art Schlitten, ins Spinnhaus hineingezogen – das war entehrend und erhöhte den Spott und den Abscheu der Umstehenden. Sah jemand dieser Schandstrafe zu? Vorstellen können wir uns das gut: eine johlende Menge, die sich wohlig gruselt und hämisch freut, dass da ihre Nachbar:in oder Feind:in oder eine durch Gerüchte wohlbekannte Person rausgeschafft wird aus einer Gemeinschaft, zu der die Einzelnen zu gehören meinen. Rausgeschafft aus einer Gemeinschaft, deren Regeln sie selbst besser nicht hinterfragen. Das Zuschauen bei der Bestrafung einer, die Gottes gute Gesetze böswillig mit Füßen tritt, hebt die Zuschauenden selbst empor.
Und Catharin Rosenbrock selbst? Wie hat sie diese Demütigung überstanden? Wie sah sie auf sich selbst? Als Mann? Als Frau? Oder hatte sie diese Kategorien für sich selbst für ungültig erklärt? Wie war ihr Leben in der Armee und auf See? Wurde sie „enttarnt“?
Nur zwölf Tage verbrachte sie im Spinnhaus, dann wurde sie in den Pesthof auf St. Pauli gebracht. Wahrscheinlich hatte sie eine ansteckende Krankheit. All das sind Vermutungen. Vermuten, phantasieren und uns erinnern an Rosenbrock können wir im südlichen Wallringpark bei dem einzigen Baurest des im 19. Jahrhundert abgebrannten Spinnhauses. Am Museum für Hamburgische Geschichte ist an der nach St. Pauli weisenden Seite das Portal des Spinnhauses angebracht. Es trägt den erwähnten Säulenschmuck, zwei Löwen, das Wappen der Familie Rentzel und die lateinische Inschrift: „Nach der letztwilligen Verfügung des Herrn Peter Rentzel seligen Angedenkens ist zur Ehre Gottes und zur Besserung der Übeltäter dieses Arbeitshaus auf seine Kosten erbaut worden.“
Literatur zum Spinnhaus und zu Catharin Rosenbrock:
https://www.hamburg.de/clp/frauenbiografien-schlagwortregister/clp1/hamburgde/onepage.php?BIOID=3783
Jakob Michelsen, Von Kaufleuten, Waisenknaben und Frauen in Männerkleidern. Sodomie im Hamburg des 18. Jahrhunderts, in: Zeitschrift für Sexualforschung, Jg. 9, H. 3 (September 1996), S. 205–237, hier: S. 223 u. S. 230–231, Anm. 30
Ulf Bollmann, Das älteste Gefangenenbuch des Hamburger Spinnhauses von 1669 bis 1688. Eine sozialgeschichtliche Betrachtung aus dem Blickwinkel eines Familienforschers, in: Genealogie. Deutsche Zeitschrift für Familienkunde, Jg. 55, H. 4 (Oktober–Dezember 2006), S. 305–324; Jg. 56, H. 2 (April–Juni 2007), S. 581–592; Jg. 56, H. 3 (Juli–September 2007), S. 676–687; hier: S. 679

Krista
Beinstein
Bild:
Krista Beinstein
Krista Beinstein
Geboren am 3. Juli 1955 in Wien
Fotografin, Autorin, Aktions-Künstlerin. Lebt und arbeitet auf St. Pauli.
„Ich habe mich immer eher als Anarchistin bezeichnet.“
Krista Beinstein über Krista Beinstein.
„St. Pauli ist eine freie Stadt für mich.“
Beinstein über sich und St. Pauli.
Seit nunmehr 30 Jahren lebt Krista Beinstein auf St. Pauli – die Wiener Wohnung gab Beinstein vor einigen Jahren auf. St. Pauli ist Ort der Befreiung, Ort neuer Identität und der Aneignung von Männlichkeit: „St. Pauli hat mir meinen Schwanz gegeben“, antwortet Krista auf die Frage, was der Kiez bedeutet. In Wien absolvierte Beinstein eine Fotograf:innen-Lehre. Krista war Clown und machte Kabarett. Das Kind Krista verweigerte das Tragen niedlicher „weiblicher“ Kleidung. Das Befragen und Überschreiten von Grenzen bleiben Lebensthemen. Die Grenzen der Geschlechterrollen, die Grenzen zwischen Lust und Gewalt, die Grenzen des sogenannten guten Geschmacks. Um die Ausstellungen und Aktionen Beinsteins, in denen Krista u. a. dildotragend das Publikum zu Reaktionen einlädt, entstand in den 1980er Jahren eine lebhafte Debatte innerhalb der Frauen-Lesben-Bewegung.
Den Kern bildet „der Wunsch nach Ent-Grenzung, nach Ent-Zivilisierung, nach Ent-Häuslichung der weiblichen Sexualität, grenzen- und schrankenlos, kurz: anarchistisch“, wie Gudrun Hauer (1953–2015), kämpferische Feminist:in und Aktivist:in der HOSI, der Homosexuellen Initiative Wien, 1985 im „Österreichischen Lesbenrundbrief“ schrieb. Für Hauer und andere lag „eine bittere Ironie darin, daß ausgerechnet Sexualität, die sich so gänzlich ent-herrschen will, sich umso enger an die Dynamik von Herrschaft und Unterwerfung bindet“. Heute weitgehend vergessene Debatten innerhalb der Frauenbewegung.
Entrüstet waren 1989 auch die Bewohner:innen der St. Pauli Hafenstraße. Die Häuser am Hafenrand waren damals noch besetzt. In der Underground-Galerie „Abriss“ (1986–1992) war im August 1989 eine Ausstellung von Krista Beinsteins „obszönen“ Fotografien zu sehen – allerdings nicht gleich, denn erstmal wurden die Bilder zerstört. Ausstellung und Aktion „Free Fucking“ von 1985 in der Hamburger Frauenkneipe hat die Hamburger Filmemacher:in Ulrike Zimmermann dokumentiert. (Ein Film, der sich übrigens nicht auf Zimmermanns Homepage findet.) Krista Beinstein ist das „bad girl“ geblieben. Und vielleicht hat die Erkenntnis der Regisseurin Monika Treut aus dem Vorwort der „Öbszönen Frauen“ noch immer Gültigkeit:
„Je mehr das Weibliche in einer männlichen Ordnung gezähmt und domestiziert wird, desto stärker fürchtet man die wilde, grausame Frau. In ihrer Grausamkeit erscheint der verdrängte Teil der Freiheit.“

Liddy
Bacroff
Bild:
Ebru
Durupinar
Liddy Bacroff – Heinrich Eugen Habitz
Geboren wurde Liddy Bacroff als Heinrich Eugen Habitz am 19. August 1918 in Ludwigshafen. Sie wurde am 6. Januar 1943 im KZ Mauthausen ermordet.
Liddy Bacroff bezeichnete sich als Transvestit und lebte auf St. Pauli von Prostitution.
„Obwohl Rolf mir 2 Stunden später beim Abschied 20 Mark stillschweigend in meine Handtasche steckte, so glaube ich doch mit Bestimmtheit der Überzeugung sein zu dürfen, dass dieses Erlebnis frei war von jeglichem Dirnentum […] und von Lastern, die wir als Transvestiten alle, mehr oder weniger diesen Weg gezwungen sind, zu gehen […] und zu leben!“
Aus Liddy Bacroffs Aufzeichnungen „Ein Erlebnis als Transvestit“, geschrieben 1931 im Gefängnis. Auslassungen im Original.
Habitz wuchs in Ludwigshafen in keineswegs gesicherten oder bürgerlichen Verhältnissen auf. Die Mutter konnte sich nicht um ihn kümmern. Ein Vater trat nicht in Erscheinung. Er galt als „schwer erziehbar“. Weil er am liebsten mit Mädchen spielte? Weil er Widerstand leistete? Nachgewiesen sind eine abgebrochene Lehre, diverse Gelegenheitsjobs und Vorstrafen wegen Diebstahls und Hausfriedensbruchs. 1929 verhängte das Amtsgericht Mannheim zum ersten Mal eine Strafe nach § 175 wegen „widernatürlicher Unzucht“. In diesem Jahr ging Heinrich Eugen Habitz nach Hamburg, wohnte auf St. Pauli und nannte sich fortan Liddy Bacroff. 1936 erneute Verurteilung nach dem verschärften § 175. Der Paragraph verbot homosexuelle Handlungen zwischen Männern. Mit der Neufassung 1935 zählte jetzt nicht mehr nur der Tatbestand, sondern die „wollüstige Absicht“ des „Täters“. Und entscheidend war jetzt die „objektive Verletzung des Schamgefühls“ der „Volks-gemeinschaft“. Jetzt wurde auch Prostitution von Männern mit verschärften Strafen bedroht. Wegen „gewerbsmäßiger Unzucht“ wurde Bacroff zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Die Prostitution von Männern für Männer wurde übrigens erst 1973 legalisiert.
Bacroff erhielt zwei bis drei Reichsmark pro Akt. Das waren auch damals keine großen Beträge. Die Kunden lernte sie auf St. Pauli kennen. Sie besserte ihr Einkommen durch kleine Diebstähle auf. Im Polizeibericht hieß es: „Das Verlangen, den Geschlechtstrieb als Mann auszuüben, habe er nie gehabt.“ Mit gefälschten Meldepapieren zog sie in die Simon-von-Utrecht-Straße 79 (damals Eckernförder Straße 78). Bacroff wurde steckbrieflich gesucht, denunziert und am 25. März 1938 im Lokal „Komet“ verhaftet. Ihr Begleiter, der ebenfalls verhaftet wurde, gab an, er habe angenommen, es handele sich bei Bacroff um eine Frau. Im April 1938 stellte Bacroff einen Antrag auf „freiwillige Kastration“ – sicher in der Hoffnung, so der weiteren Verfolgung zu entgehen. Doch das „Gutachten“ eines Gerichtsmediziners vom Gesundheitsamt machte alle Hoffnungen zunichte. Da heißt es: „Als Strichjunge wird er sich vermutlich auch nach seiner evt. Kastration weiter betätigen, weil ihm beim Fehlen der höheren Gefühlskräfte das unmoralische seiner Handlungen, z. B. Geldverdienen durch passive Paederastie als Strichjunge nicht begreiflich gemacht werden kann. Er fühlt sich in seiner Lebenslage glücklich und denkt nicht daran, durch Arbeit seinen Lebensunterhalt auf anständige Art und Weise zu verdienen. […] und bleibt er zweifellos ein Sittenverderber schlimmster Art und muß deshalb aus der Volksgemeinschaft ausgeschaltet werden.“
Nach der Untersuchungshaft wurde Liddy Bacroff im Oktober 1938 im Zuchthaus Bremen-Oslebshausen eingesperrt. Nach Verbüßung der Haftstrafe traf sie die „Sicherungs-verwahrung“. Die Rechtsgrundlage für diese zeitlich unbegrenzte Maßnahme war mit dem „Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher“ am 1. Januar 1934 geschaffen worden. Ende 1942 wurde sie ins Konzentrationslager Mauthausen verschleppt, wo sie am 6. Januar 1943 ermordet wurde.
Informationen über Liddy Bacroff in:
Christiane Jungblut, Gunhild Ohl-Hinz (Hg.), Stolpersteine in Hamburg-St. Pauli. Biographische Spurensuche, Hamburg 2009 (Publikation der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg)
Ausschnitte aus einem Theaterstück des Theaters Oliv über Liddy Bacroff:

Domenica
Bild:
Ruth E.
Westerwelle
Domenica Anita Niehoff
Domenica wurde am 3. August 1945 in Köln geboren. Sie starb am 12. Februar 2009 in Hamburg. Domenica war Prostituierte und Streetworkerin, die sich für Prostituierte engagierte.
„Ihre Stimme war schon von Weitem zu hören, rau, als hätte sie sich am Leben schrundig gerieben. So eine Stimme hat nur, wer sein Geld nicht mit Büroarbeit verdient. Ein Lachen, das Räume füllte. Rasselnd von den vielen Kippen, die sie rauchte.“
Aus dem Nachruf von Tania Kibermanis, Die Zeit, 26.2.2009.
Der Trauerzug für Domenica führte durchs Sperrgebiet und durch die Herbertstraße. Das gab es vorher und nachher nicht. Hunderte kamen zur Trauerfeier in die St.-Pauli-Kirche. Der evangelische Pastor Martin Paulekun verabschiedete die Katholikin aus dem Rheinland, die in der Herbertstraße einer harten Arbeit nachgegangen war: erst als Prostituierte, später als Streetworkerin. Viel Prominenzgetummel und Medienrummel. Nachbar:in und Autor:in Tania Kibermanis: „Im Kielwasser der Berühmtheit schwimmt ja so manches Treibgut mit, das posthum der beste Freund gewesen sein will.“ Warum war sie berühmt? Zunächst ihr Leben im Überblick: Geboren wurde Domenica im zerbombten Köln 1945. Die Mutter war mit drei Kindern vor dem italienischen Vater geflohen, konnte sich aber wegen ihrer Spielsucht nicht dauerhaft um Domenica und ihre Geschwister kümmern. So wuchsen diese in einem katholischen Waisenhaus auf. Danach begann Domenica eine kaufmännische Ausbildung. Sie lebte mit einem wohlhabenden Bordellbesitzer zusammen, arbeitete jedoch nicht im Sex-Geschäft. 1972 erschoss er sich. Domenica begann sich zu prostituieren, erst in München, dann in Hamburg. Anfangs schaffte sie im Palais d’Amour an, später in der Herbertstraße. Ihr neuer Mann kassierte ab, sie war fleißig – und „säuft sich jeden Abend ins Koma“. In der Herbertstraße freundete sie sich mit dem Chronisten und Fotografen Günter Zint an. Seine Bilder von ihr wurden „Kult“. Sie zeigen sie ganz und reduzieren sie zugleich auf ihren Körper. Zweifellos verfügte sie über eine besondere erotische Ausstrahlung. Ihr melancholischer Blick trug dazu bei. Domenica: „Ich kann sagen, ich bin totgebumst worden.“ Für die Männerwelt war sie Projektionsfläche. Viele Promis und Möchtegern-Promis ließen sich mit ihr ablichten. Fotograf Zint spielte mit und erinnert sich: „Sie war wütend auf diejenigen, die die Prostitution glorifizierten.“ Bühnen- und Fernsehauftritte folgten, sie wurde zur Berühmtheit. Das Image als „Domina“ (dabei bedeutet ihr Name doch „Sonntag“) erwies sich als verkaufsfördernd. Zu ertragen war das für sie nur mit Drogen aller Art.
1990 stieg sie aus und half von da an als Streetworkerin drogensüchtigen Huren (ein Wort, das sie verwendete). Die Diakonie wollte sie wegen ihrer Popularität nicht einstellen, die Stadt schuf zwei Stellen. Ihr Stammplatz war der Hansaplatz in St. Georg. In der Sozialarbeit verausgabte sie sich total. Domenica gab immer mehr, als sie hatte.
Sie übernahm 1998 das „Fick“ am Fischmarkt, gab der Kneipe ihren Namen, träumte von einem ruhigeren Lebensabend als Wirtin. Prominenz ließ sich nur am Anfang blicken. Sie trank und kokste zu viel, Steuerschulden kamen hinzu. Zwangsräumung und Umzug in die Eifel, wo ihr verstorbener Bruder ihr ein Haus hinterlassen hatte. Ein paar Jahre lebte sie dort wie im Exil. Das Heimweh führte sie zurück. Es blieb ihr nur ein Jahr. Sie starb im Altonaer Krankenhaus an einer Lungenkrankheit.
Vieles erinnert an sie: ihr Grab (im Garten der Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof, gleich rechts neben dem Eingang, neben der Theaterchefin Gerda Gmelin). Ihre Wachsfigur im Panoptikum am Spielbudenplatz. Die Domenica-Niehoff-Twiete in Altona. Und ihre beiden Bücher: das „Kopfkissenbuch“ (1989) und ihre Erinnerungen „Körper mit Seele“ (1994).
https://www.fof-ohlsdorf.de/aktuelles/2009/106s20_bake-domenica-niehoff
Etliche Fotos in dem NDR-Artikel:
https://www.ndr.de/geschichte/koepfe/Domenica-Niehoff-Die-Hure-der-Nation-waere-75-geworden,domenica142.html
Der Nachruf, aus dem das Zitat stammt, ist aus der „Zeit“:
https://www.zeit.de/2009/10/WOS-Domenica
Die beiden erwähnten Bücher von Domenica:
Domenica, Domenicas Kopfkissenbuch
München 1989 (Knaurs Taschenbuch)
Domenica, Körper mit Seele. Mein Leben
Aufgezeichnet von Hans Eppendorfer
München 1994 (Knaurs Taschenbuch)

Kirsten
Nilsson
Bild:
Forum Queeres Archiv München e.V.
Kirsten Nilsson – Karl Erich Böttcher
Kirsten Nilsson wurde als Karl Erich Böttcher am 25. März 1931 in der Mark Brandenburg geboren und starb am 12. Juli 2017 in München. Nilsson war eine Bühnenkünstlerin und Prostituierte, die sich als transsexuell verstand. Sie verbrachte viele Jahre auf St. Pauli.
Ein Koberer schnackt Kundschaft ins „King Kong“ – gemeint ist das „Salambo“. Katharina ist Natascha – einer der Bühnennamen von Kirsten Nilsson:
„Hereinspaziert, meine Herren! Hereinspaziert! Hier sehen Sie, was Sie noch nie gesehen haben! […] Original-Geschlechtsverkehr […] Sie kommen gerade recht zum Höhepunkt! Die berühmte Künstlerin Baby Blue aus dem Crazy Horse in Paris in ihrer internationalen Attraktion ‚Katharina und der Große!‘ […] Katharina lag so, daß die Zuschauer direkt zwischen ihre gespreizten Schenkel sehen konnten, auf einer kleinen Bühne, in einem grellen Scheinwerferkegel. […] Sie bewegte das Becken, massierte ihre prallen Brüste und warf den Kopf hin und her […].“
So beschreibt Johannes Mario Simmel einen Besuch in der Großen Freiheit in seinem Bestseller „Der Stoff, aus dem die Träume sind“, erschienen 1971. Ein „mächtiges künstliches Glied“, verborgen in einem „riesigen Pappmachészepter“, hilft der Darstellerin aus der gespielten Geilheit.
I
In der Wirklichkeit wurde diese Nummer mehrfach wegen „Unsittlichkeit“ vom Wirtschafts- und Ordnungsamt Hamburg-Mitte verboten. Betreiber René Durand führte unzählige Prozesse – das alles beschreibt Kirsten Nilsson, geboren als Karl Erich Böttcher, in ihren Erinnerungen „Vom Hitlerjungen zur Domina. Ein transsexuelles Leben im 20. Jahrhundert“, erschienen im Jahr ihres Todes. Es ist keine leichte Lektüre. Ihr Leben war voller Gewalt, haarsträubender Operationen (22 waren es insgesamt), Sexsucht, Suff und Tabletten, Intrigen und Betrug. Nilsson berichtet von einer glücklichen Kindheit in Küstrin nahe der polnischen Grenze, von Eltern, die beide Mitglieder in Nazi-Organisationen waren. Sie berichtet von der Freude, wenn sie mit der Puppe ihrer Schwester „mit Porzellankopf, Schlafaugen und echten Haaren“ spielen durfte. Dass die Kinder auf der Straße ständig sagten: Karl Erich sieht ja aus wie ein Mädchen! Und dass die Mutter darüber eher erfreut als empört war. Erster großer Schmerz war die Einschulung: Die „schönen langen blonden Locken“ wurden abgeschnitten und sie musste kurze Hosen anziehen „wie ein richtiger Junge“. Und wie ein solcher trug er/sie 1941 als Hitlerjunge die kurze schwarze Hose und das Braunhemd. Als der Hitlerjunge sich nicht über das Fahrtenmesser freute, das zur Uniform gehörte, verprügelte der Vater ihn mit einem Riemen. Mit der Mutter lebte das Kind im Kino Phantasien aus – UFA-Stars wie Zarah Leander mit ihren großen Roben zogen das Kind magisch an. In einem eigens genähten Kleid als „Kammerkätzchen“ (veraltet für Kammermädchen, weibliche Dienstbotin) half sie im Haushalt. Kriegsbedingt machte sie nie einen Schulabschluss – dafür erlernte sie viele Berufe und übte noch mehr aus. Traumberuf blieb die Schauspielerei. Ab 1947 Ausbildung zum Damenfriseur in Rosenheim. Als „sehr tüchtig und talentiert“ beschreibt sie sich. Sie schminkte sich dezent und freute sich unbändig auf die jährlichen Faschingsbälle, auf denen sie große Roben ausführen konnte. 1951 begann sie eine Ausbildung an der Meisterschule für Mode in München. Die Großstadt ermöglichte so etwas wie ein schwules Coming-out. „Auf die Idee, dass ich gar nicht schwul, sondern transsexuell war, konnte ich damals gar nicht kommen … Woher auch?“ Schon das Schwul-Sein bereitete Angst vor Ächtung und Strafe. Erste Auftritte in Hamburg in der „Bar Celona“ als „Damenimitator“ waren, auch alkoholbedingt, Reinfälle. Sie „professionalierte“ die Rollen, feierte Erfolge. Ab Mitte der 1960er Jahre geschlechtsangleichende Operationen in Marokko. Doch erst spät in ihrem Leben konnte sie sich annehmen.
Zuletzt arbeitete sie als Altenpflegerin in Bayern und spielte in ihrer Freizeit Theater.
Literatur:
Kirsten Nilsson, Vom Hitlerjungen zur Domina. Ein transsexuelles Leben im 20. Jahrhundert. Hg. und mit einem Nachwort versehen von Linda Strehl, München 2017 (forum homosexualität münchen e. V.
Kirsten Nilsson
Sie schließt ihre Erinnerungen mit dem Fazit:
„Ich hatte geglaubt, mit der großen Operation in Casablanca würden sich alle meine Probleme lösen, aber ich war danach jahrzehntelang ein Opfer der Verstümmelungen, die ich selbst an mir vornehmen ließ. Ich bin transsexuell, meine Seele wurde in einem Körper des anderen Geschlechts geboren. Ich konnte mich nicht annehmen, wie ich war, und flüchtete mich vielleicht deswegen in ein schizophrenes Leben, das von Alkohol, Tabletten und Sexsucht bestimmt war. Erst spät, nach 22 Operationen, unzähligen Reparaturen und Korrekturen, konnte ich mich annehmen, wie ich bin, doch bis heute habe ich nicht das Gefühl, in meinem Körper zu Hause zu sein.“

Kris K.
Bild:
Maximilian
Probst
Kris Kandinsky
Geboren am 7. September 1987 im Landkreis Stade
Tätowiererin/Tattoo-Artist und Musikerin. Wohnt und lebt auf St. Pauli
„Was will man auch in anderen Stadtteilen, wenn man da nicht hin muss?“
Kris– die im Gespräch anmerkt, vorher nie über sich und St. Pauli nachgedacht zu haben – über St. Pauli.
Das Tätowieren hat sie schon als 14-Jährige begeistert. Und sie zeichnete immer schon gern. Mit dem Selbst-Tätowieren begann sie erst mit 21 – worüber sie heute froh ist. Nach Ausbildungen als Friseurin und als Erzieherin hat sie ihren Traum verwirklicht und ist Teil eines Tattoo-Kollektivs in Kiez-Nähe. Diese Art des Arbeitens macht sie glücklich, die freundschaftliche Beratung „mit zwei wunderbaren Personen“.
Auch die Ausbildung zur Erzieherin fand in „ihrem“ Stadtteil statt. Ihr war und ist wichtig, dass in der Kita bei der St.-Pauli-Kirche kein Raum für stereotype Geschlechtsrollen war. So durften alle Kinder Kleidchen tragen, wenn sie es wünschten. Das ist es, was Kris grundsätzlich an St. Pauli gefällt: eine einzigartige Vielfalt, ein Potpourri aus verschiedensten Weiblichkeiten, eine Offenheit, ein Sich-nicht-verstecken-müssen und eine grundsätzlich entspannte und hilfsbereite Nachbarschaft.
Sie versteht sich selbst als feministische heterosexuelle Frau.
Und ihr Begriff von Weiblichkeit? Für Kris bedeutet das, sich mit dem eigenen Körper und dem Selbst zu identifizieren. Ideal wäre der Einklang zwischen Innerem und Äußerem.
Auf die Frage, ob es für sie einen St.-Pauli-Feminismus gebe und ob sie dafür eine Überschrift aussuchen könne, zögert sie nicht: Akzeptanz, Toleranz, Vielfalt, Laut-Sein. Was ihre eigene Person angeht, „halte ich den Ball immer eher flach“.
Auf St. Pauli nerven sie neben den neuen „Mikroapartments“, 22 Quadratmeter für 700 Euro Miete, die Touris, die sich nicht benehmen können: Typen, die einen von der Seite blöd anmachen, und die Eckenpisser.

Marie Nejar
Bild:
Filmszene aus
"Die süßen Früchte" 1954
Marie Nejar – Künstlerinnenname: Leila Negra 3716
Geboren am 20. März 1930 in Mülheim/Ruhr, sie lebt in Hamburg-Eimsbüttel.
Schauspielerin und Schlagersängerin, die auf St. Pauli aufwuchs.
„Wenn ich auch nicht gewollt war, ich wollte mich.“
Das Fazit von Marie Nejar, nachdem sie als Erwachsene erfahren hatte, dass ihre leibliche Mutter sie heimlich in Mülheim zur Welt brachte, um sie danach zur Adoption freizugeben.
Mit zwei Jahren kam Mia, wie die Kleine genannt wurde, nach St. Pauli. Dass sie „anders“ war, wurde ihr bewusst, als sie an Großmutters Hand den Spielplatz am Millerntor aufsuchte. Mütter warnten ihre Kinder: „Guck mal, das Mädchen da, siehst du, wie schwarz und schmutzig es ist? Es hat sich nicht gewaschen!“ Manchmal wurden sie noch deutlicher: „Wenn du weiter so ungezogen bist, dann wirst du bald auch so ausschauen.“
Doch für die Kinder war die dunklere Hautfarbe bald kein Problem mehr. Mia schloss Freundschaften. Kindheit und Jugend in der Nazi-Zeit überlebte sie – dank der resoluten und strengen Großmutter. Und dank vieler Menschen, die menschlich handelten. Ein Arzt, die Lehrerin Fräulein Hoffmann und die Polizisten der Davidwache gehörten dazu. Der jüdische Hausarzt, Dr. Blumenthal, sorgte dafür, dass das an Scharlach erkrankte Kind nicht ins Krankenhaus kam. Dort wäre Mia wahrscheinlich zwangsweise sterilisiert worden. Dr. Blumenthal besuchte die kleine Patientin zweimal täglich. Irgendwann war er einfach fort.
In Nazi-Deutschland wurden viele Afrodeutsche zwangssterilisiert. Fast allen wurde die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen. Mia musste früh die Schule verlassen und Zwangsarbeit leisten. Sie erinnert sich: „[…] für Schwarze [war] es in dieser Zeit leichter, wenn sie auf dem Kiez lebten, als in anderen Hamburger Stadtteilen. Seit jeher wohnten in der Hafengegend Menschen vieler Nationalitäten zusammen, um die sich keiner wirklich scherte, solange sie sich integrierten. […] Viele Menschen hatten eine differenzierte Haltung zu Hitler und seinem Regime.“
Zur Mutter gelang nie eine Beziehung. Mia wusste nicht einmal, wo die wohnte – sie sah ihr Foto in Schaukästen, darunter stand: „Cécile, die berühmte und gefeierte Musikerin.“ In der Tat war sie eine gut ausgebildete Geigerin. Da auch sie einen schwarzen Vater hatte, blieb für sie damals nur das Tingeln in Unterhaltungs-Schuppen auf St. Pauli. Die Großmutter stammte aus einer großbürgerlichen Hamburger Familie, von der sie verstoßen wurde, als sie sich in einen Mann aus Martinique verliebte. In Riga betrieb sie mit ihm eine Kneipe, bis er einem rassistischen Mord zum Opfer fiel. Die Großmutter ließ sich in Hamburg-St. Pauli nieder, sie arbeitete in Bars, machte Näharbeiten (auch für Prostituierte) und ermöglichte der Tochter eine gute Ausbildung. Im „Colibri“ in der Großen Freiheit lernte Cécile 1929 den Kapitänsteward Albert Yessow aus Ghana kennen. Nach einer gemeinsam verbrachten Nacht wollte er sie wiedersehen, doch sie wies ihn danach immer ab. 1941 starb die Mutter mit nur 31 Jahren nach einer missglückten Abtreibung – kein Krankenhaus wollte sie aufnehmen.
Das vielleicht Erstaunlichste an der Lebensgeschichte von Maria Nejar sind ihre beiden Karrieren als Schauspielerin in der Nazi-Zeit und als Sängerin in den 1950er Jahren. Sie gab das süße exotische Kind – auch als sie schon fast 30 war. Nejar durfte 1943 in dem aufwendigen Ausstattungsfilm „Münchhausen“ mit Hans Albers mitspielen. Am Set lernte sie andere Schwarze kennen, die übrigens teilweise schwarz nachgeschminkt wurden. Ihren Nachkriegs-Künstlerinnennamen Leila Negra hat sie sich nicht ausgesucht. 1958 begann sie eine Ausbildung zur Krankenschwester. Ihre erste Ausbildung – etwas wie ein eigenes Leben begann für sie.
Literatur:
Marie Nejar
https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/erlebtegeschichten/marie-nejar-100.html
https://www.zeit.de/hamburg/stadtleben/2015-03/marie-nejar-afro-deutsche-kindheit-nationalsozialismus/komplettansicht
Marie Nejars Erinnerungen:
Marie Nejar, Mach nicht so traurige Augen, weil du ein Negerlein bist. Meine Jugend im Dritten Reich. Aufgeschrieben von Regina Carstensen, Reinbek bei Hamburg 2007 (Rowohlt Taschenbuch)

Ingrid
Sonja
Liermann
Bild:
Katja
Nottelmann
Ingrid Sonja Liermann
Ingrid Liermann, geboren am 18. April 1926 in Hamburg, gestorben am 12. April 2010 in Hamburg, Inhaberin der Ika-Stuben an der Budapester Straße 38 und Verfolgte des Nationalsozialismus.
„[…] die weibliche Bedienung trug Hosen […]“
Aus einem Bericht eines Beamten der Fahndungskommission „Homo“ über eine Kellnerin in einem Hamburger Lesbenlokal 1969.
Unmittelbar nach der Befreiung am 8. Mai 1945 öffneten auch in Hamburg wieder Bars und Lokale, in denen sich Lesben treffen konnten – kleine Freiräume außerhalb der rigiden heteronormativen Zwangswelt für Frauen, die Frauen begehrten. Orte, an denen sie ohne Versteckspielen und Anpassungsdruck einander treffen, tanzen, flirten und feiern konnten. Ein solcher Ort waren von 1950 bis 1997 die Ika-Stuben in St. Pauli. Anfangs tarnte sich die kleine Kneipe noch durch eine Konditorei. Als das Lokal eröffnete, hieß die Budapester Straße noch nach dem 1945 von den Nazis ermordeten Führer der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) Ernst-Thälmann-Straße. Mit dem sich verfestigenden Antikommunismus der jungen BRD schien das nicht mehr zumutbar, nun sollte an den Ungarn-Aufstand 1956 erinnert werden. Die Ika-Stuben, der „Treffpunkt für Damen“, war das einzige Lokal, in dem nur Frauen Zutritt hatten. Der Blick auf lesbische Frauen war von Ignoranz, Verachtung und Kriminalisierung geprägt.
Wie fanden Frauen in Zeiten ohne Internet Frauen-Orte?
Es gab Tourismusführer wie „Hamburg von 7 bis 7“. Wer mutig war, konnte einen Taxifahrer oder einen Hotelportier fragen oder im Branchenteil des Telefonbuchs fündig werden. Eventuell konnte frau schwule Bekannte fragen. Die „einschlägigen“ Lokalitäten befanden sich vor allem auf St. Pauli und in St. Georg.
Ingrid Liermann ist immer für ein selbstbestimmtes Leben und Lieben eingetreten – für sich und für andere Frauen. Schon in den frühen 1960er Jahren kellnerte sie in den Ika-Stuben, 1966 konnte sie den Laden von einem Frauenpaar übernehmen. Es war eine Zeit, in der sie ihr maskulines Outfit erst im Lokal anziehen konnte. Frauen in Hosen waren bis in die 1970er Jahre ein Skandalon – für Lesben war das Tragen dieses Kleidungsstücks Gegenwehr gegen die rigiden Weiblichkeitsnormen und auch ein Ringen um Sichtbarkeit. In der Subkultur der Ika-Stuben gab es regelmäßig Motto-Partys. Frauen aus dem Ausland verbrachten hier ihre Ferien. Als ein Fernsehteam in den 1960er Jahren eine Reportage drehen wollte, gewährte Ingrid Liermann Einlass, engagierte aber Prostituierte, die die Gäst:innen vertraten – um ihre Stammgäst:innen zu schützen. Mit der Frauen- und Lesbenbewegung der 1970er Jahre war das Konzept Subkultur nicht recht vereinbar – die Schubladen hießen nun „Bewegungslesbe“ (frau ging in die Frauenkneipe in der Bernstorffstraße / Ecke Stresemannstraße) versus „Sublesbe“.
Ingrid Liermann hat hart gearbeitet, gut verdient und gut gelebt. Doch gesicherte Verhältnisse umgaben sie weder am Anfang noch am Ende ihres Lebens: Sie wurde unehelich geboren, ihre Mutter war gerade 17 Jahre alt. Nach damaliger Gesetzeslage stand sie fortan unter Aufsicht des Jugendamtes. Eine Hamburger Spezialität war der amtliche Vorwurf des „moralischen Schwachsinns“, der auch der frauenliebenden Ingrid Liermann zum Verhängnis wurde. Die verantwortliche oberste Hamburger Fürsorgerin, Dr. Käthe Petersen, schied erst 1966 hochgeehrt aus dem Amt.
Ab 1941 kam Ingrid in verschiedene Jugendheime – aus einigen konnte sie fliehen. Im Versorgungsheim Farmsen erllitt sie Zwangsarbeit und Dunkelhaft. Wegen ihrer Widerständigkeit wurde sie noch 1945 in ein Arbeitserziehungslager verschleppt. Erst als sie 1947 klagte, wurde sie offiziell „mündig“.

Clara Gordon
und
Rosa
Bernstein
Bild:
Bertram
Rotermund
Clara Gordon und Rosa Bernstein
Clara Gordon wurde am 20. November 1866 in Lyck in Ostpreußen (heute Ełk, Polen) geboren und starb am 20. Dezember 1937 in Hamburg.
Rosa Bernstein wurde am 29. August 1865 in Bollinken bei Stettin (heute Bałdynko, Polen) geboren und wurde am 11. März 1944 in Theresienstadt ermordet, wohin sie am 23. Juni 1943 deportiert worden war.
Beide waren Krankenschwestern des Israelitischen Krankenhauses an der Rendsburger Straße (heute Clemens-Schultz-Straße).
„Stolz und bescheiden, aufrecht und anspruchslos, überlegt und zurückhaltend, streng gegen sich selbst und andere, aber voll Nachsicht und Verständnis für die Schwächen und Fehler ihrer Mitmenschen, trat uns Clara Gordon gegenüber. […] mit ihrer Würde und unermüdlichen Willenskraft leitete sie das innere Leben im Krankenhaus […].“
Fritz Warburg 1937 zur Verabschiedung Clara Gordons in den Ruhestand.
Was bleibt von Clara Gordon und Rosa Bernstein? Beide waren das, was wir heute Pflegedienstleiter:innen nennen. Sie arbeiteten und lebten im Israelitischen Krankenhaus in Hamburg-St. Pauli. Ihr Schwesternwohnheim an der Hein-Hoyer-Straße wurde nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wiederaufgebaut. An beide erinnern zunächst einmal nur ein Straßenname in Hamburg-Allermöhe und ein Stolperstein in der Clemens-Schultz-Straße: die kleine Gordonkehre und die Messingtafel mit den Lebensdaten von Rosa Bernstein.
Die Verabschiedungs-Worte des Vorsitzenden des Israelitischen Krankenhauses, des Bankiers Fritz Warburg, verdienen einen zweiten Blick: Die Gegensatzpaare „stolz und bescheiden“ etc. scheinen die Grenzen des Erlaubten für Frauen in „weiblichen“ Berufen abzustecken. Die Fotos von Clara Gordon zeigen eine sehr schöne, ernste und selbstbewusste Frau in dunkler Schwesterntracht mit weißem Kragen und einer kleinen weißen Haube, die fast wie ein modischer Hut wirkt. Alles an ihr strahlt eine natürliche Autorität aus. Warburg benutzte das Wort „Würde“. Als er Clara Gordon so charakterisierte, waren die Jüd:innen in Deutschland weitgehend ihrer Rechte, ihres Eigentums und in größtem Maße ihrer Würde beraubt. „Oberin Gordon“ (so ihr Titel) starb im Jahr ihrer Verabschiedung mit 71 Jahren. Ihre Kollegin Rosa Bernstein musste 1939 das Schwesternheim verlassen, die Stadt Hamburg hatte das gesamte Krankenhausgelände beschlagnahmt. Alle Schwestern und die Ärzte, die nur noch als „Krankenbehandler“ galten, mussten in die Johnsallee in eine ehemalige jüdische Privatklinik umziehen. „Schwester Rose“ war da schon im Ruhestand. Sie durfte über ihre Rente nicht mehr verfügen. Nicht nur das Krankenhaus, auch den Besitz der Mitarbeiter:innen zog die Oberfinanzdirektion der Stadt Hamburg ein. Ende 1942 musste die 77-Jährige erneut umziehen. Sie bezog ein „1/2 Zimmer“ in der Schäferkampsallee im „jüdischen Pflege- und Siechenheim“. Nach einem knappen Jahr wurde sie mit 108 weiteren Hamburger:innen deportiert.
Vor 1933 war „das Israelitische“ eines der modernsten und besten Krankenhäuser der Stadt. Mehr als die Hälfte der Patient:innen war nichtjüdisch, ebenso etwa die Hälfte der Pflegekräfte. Was zeichnete das Krankenhaus aus? Wohltätigkeit und Professionalität – und das „Außerhalb-Sein“. Schon früh legten die jüdischen Stiftungs-Krankenhäuser (dieses stiftete Salomon Heine, der es seiner verstorbenen Frau Betty widmete) großen Wert auf ausgebildete „Krankenwärter“. Seit der Gründung des Krankenhauses 1843 wurde hier ausgebildet – damals eine Ausnahme. Gemäß dem jüdischen Gebot der Wohltätigkeit war die Behandlung kostenlos. Und warum stand es hier jenseits des Millerntors? Der Hamburger Wohltäter Heine durfte es nicht innerhalb der Stadtmauern errichten.
Clara Gordon (auch Klara Gordon) und Rosa Bernstein
Zu Rosa Bernstein:
https://www.stolpersteine-hamburg.de/?MAIN_ID=7&BIO_ID=4717
Zum Krankenhaus:
Harro Jens, Marcus Jahn, Peter Layer (Hg.), Israelitisches Krankenhaus in Hamburg – 175 Jahre, Berlin 2016 (Verlag Hentrich und Hentrich)
Dort auch Fotos der beiden Krankenschwestern.
(Es gibt zahlreiche Publikationen, dies ist die neueste.)
https://www.juedische-pflegegeschichte.de/beitraege/biographien/krankenpflege/

Heilwig von
Holstein und
Schaumburg
Zeichnung:
Birgit Kiupel
Heilwig von Holstein und Schaumburg (3565)
geb. um 1200, gest. zwischen 1248 und 1250
Heilwig gründete 1245 ein Zisterzienserinnenkloster am Pepermölenbek – also im heutigen „gefühlten“ St. Pauli (Bezirk Altona). Nur 50 Jahre leben die Frauen mit den groben ungefärbten Woll-Gewändern hier, dann zieht das Kloster um in die Alsterniederung. Strassennamen wie Klosterstern und Jungfrauenthal sind dort die einzigen Überreste. Das Gelände hinterm Pinnasberg bleibt im Klosterbesitz.
„Wir wünschen daher bekannt zu machen, sowohl den Heutigen wie den Zukünftigen, daß wir einer Bittstellung des Bruders Adolf, des ehemaligen Grafen von Holstein und Schwester Heilwigs, seiner ehemaligen Frau, ein Nonnen-Kloster in unserer Gemeinde (Bistum) zu errichten, stattgeben. So nämlich daß, wer auch immer dort Propst oder Äbtissin sei, unserem Herrn Erzbischof und unserer Kirche Ehrerbietung zolle und gehorsam sei.“
So heißt es – auf Latein – in der Gründungsurkunde dieses einzigen Frauenklosters der Stadt Hamburg. Vermutlich war es ein Lehm-Fachwerkbau. Zum Besitz gehören zwei Höfe und eine Mühle. Gesichert ist, daß Maria die Schutzherrin des Klosters ist. Und daß Bremens Erzbischof Gerhard im Jahr 1249 allen Bauhelfern Ablass gewährt, der Erlass von Sündenstrafen. So konnte z.B. die Qual der Seele im Fegefeuer verkürzt werden. Der Bremer Erzbischof war Heilwigs Bruder. Heilwigs Ehemann war Adolf IV. von Schauenburg, mit dem sie vier Kinder hatte. Beide Eheleute entschieden sich dann für Klöster, die es ernst meinten mit den obersten Klosterregeln von Gehorsam und Armut. Adolf hatte 1239 ein Franziskaner-Kloster gegründet, in das er auch einzog (heute ist dort die Handelskammer). Die Zisterzienser bezogen sich auf die Stadt Citeaux in Burgund, wo 1098 adlige Männer zurück zu christlichen Wurzeln wollten, um in Einöden, gern auf sumpfigen Böden, alles selbst zu erarbeiten - in Demut und Armut. Auch die Franziskaner waren eine neue, städtische Bewegung, sie betrieben in braunen Kutten Armen-und Seelenpflege. Alle diese (Männer-) Bewegungen und religiösen Aufbrüche faszinierten Frauen. Etliche überwanden die Widerstände der Kirchen-Obrigkeit und setzten hartnäckig und zäh auch die Gründung von Frauenklöstern durch. Das erste Zisterzienserinnen-Kloster entstand 1123. Sie mussten sich von Männern kontrollieren und einengen lassen – anfangs war ihnen das Verlassen des Klosters und auch das Sprechen weitgehend verboten. Vermutlich hielten sich die ersten daran. Auch an die 7 Gebete ab 2 Uhr morgens und die 7 Stunden Kirchendienst. Nicht immer aus Überzeugung, sondern auf Druck ihrer wohlhabenden Elternhäuser, verbrachten viele Nonnen ihr Leben im Kloster. Es waren zunächst adlige, später bürgerliche Mädchen und Frauen der Oberschicht. Ein Blick ins nahe Hamburg: die Stadt profitiert von ihrer zentralen Lage und wächst, die Alster wird aufgestaut, das Brauen von Bier gewinnt an Bedeutung, das erste Rathaus steht, eine erste Ziegelmauer umschließt die Stadt.
Zwei Männerklöster sorgen fürs Seelenheil der etwa 5.000 EinwohnerInnen - ebenso das Nonnenkloster „valle virginium“ (Frauental). Die Nonnen betreiben außerdem eine Krankenstation und eine Schule für Mädchen. Und sie wirtschaften geschickt, denn im 14. Jahrhundert besitzen sie mehr Land als die Stadt Hamburg. Die Dörfer Alsterdorf, Eimsbüttel, Eppendorf und Winterhude gehören dem Kloster. Bei der Reformation knapp drei Jahrhunderte später wird den Nonnen das Dach überm Kopf abgerissen. Die nunmehr lutherischen Ratsherren haben entschieden, dass ihr Leben nicht mehr gottgefällig ist.

Sylvin
Rubinstein
Bild:
Ebru Durupinar
Sylvin Rubinstein
Sylvin Rubinstein (Dolores, Imperio, Donna), geboren 1914 bei Moskau, gestorben am 30. April 2011 in Hamburg, Tänzer und Tänzerin, Widerstandskämpfer, Untergrundkämpfer.
„Wenn ich habe getanzt, ich habe gehabt mein Schwesterlein immer dabei.“
Mit diesem Zitat endet die Biographie des überlebenden Zwillings Sylvin Rubinstein von Kuno Kruse.
Gäbe es einen Spielfilm über sein Leben – mensch würde die Story als unglaubwürdig, konstruiert und sicher auch als zu grausam kritisieren. Sylvin und seine Zwillingsschwester Maria wurden in der Nähe von Moskau im Jahre 1914 geboren. (Die Papiere nennen ebenso präzis wie falsch den 10. Juni 1917 als Geburtstag und als Geburtsort Budapest.)
Die Eltern waren nicht verheiratet. Die Mutter war Tänzerin aus jüdischer Familie, der Vater ein adliger Offizier der zaristischen Armee. Er wurde während der Oktoberrevolution erschossen. Die Geschwister wuchsen mehrsprachig mit Mutter und Großmutter in Brody auf, ehemals österreichisch-ungarisch, dann polnisch. In der heute ukrainischen Kleinstadt Brody lebten damals Menschen vieler Religionen und Ethnien – mehrheitlich Jüd:innen, doch auch Katholik:innen, orthodoxe Christ:innen, Armenier:innen, Pol:innen, Russ:innen, Ukrainer:innen, Österreicher:innen und Deutsche. Brody war eine blühende und wohlhabende Stadt in Galizien. Dass es Galizien bzw. Galicien zweimal auf der Karte Europas gibt, nämlich in der Ukraine und im Norden Spaniens, sollte für die tanzenden Zwillinge noch von einiger Bedeutung sein.
Mit zehn Jahren wurden die Kinder zur Ausbildung bei Madame Litwinova nach Riga geschickt. Sieben Jahre dauerte die harte Tanzschule bei der einstigen Solistin des Bolschoi-Balletts. Sie versicherte den Kindern: „Euch werden die Bretter der Welt gehören!“
Doch es wurde nicht der klassische Tanz, dem die begabten Geschwister huldigensollten. Sie traten in europäischen Varietés u. A. in Warschau, Athen, Istanbul, sogar am Broadway auf. Und immer wieder in Berlin. In Hamburg gastierten sie im legendären „Alkazar“, von den Nazis später in „Allotria“ umbenannt.
Sie tanzten Samba, Rumba und Stepptanz. Doch die größte Begeisterung lösten sie mit ihrem „galizischen Flamenco“ aus: „Die Amerikaner haben geschmissen silberne Feuerzeuge vor die Füße und Blumen in Vasen.“ So erinnerte sich Sylvin Rubinstein an die 1920er und frühen 1930er Jahre in Berlin, als der Autor und Journalist Kuno Kruse ihn Ende der 1990er Jahre in seiner kleinen Wohnung in der Wohlwillstraße interviewte. Eine Stadt und eine Epoche im Tanzfieber. Die Zwillinge nähten alle Kostüme selbst, sie waren immer hochelegant gekleidet. Auf der Bühne leisteten sie jeden Abend körperliche Schwerstarbeit. Sylvin erwies sich auch als geschickter Taschendieb und Schwarzmarkthändler, was ihm noch oft das Leben rettensollte. Je nach Bedarf der Veranstalter tanzte er auch mit Perücke und in Kleidern. Das erotische Interesse von Männern hat ihn jedoch immer unangenehm berührt.
Auf dem Bahnhof von Warschau sah er 1942 seine geliebte Schwester das letzte Mal, sie sollte die Mutter aus Brody holen. Sylvin suchte den Rest seines Lebens nach ihr. Nach dem Krieg schlüpfte er in ihre Rolle. Aus dem Warschauer Ghetto waren beide noch gemeinsam geflohen. Er kämpfte im Untergrund (mit der Waffe und manchmal in Kleidern) gegen die Besatzungsmacht. Nur 25 Prozent von ihnen waren in seinen Augen Menschen. Einer von ihnen war der Hauptmann Kurt Werner, der ihm mit falschen Papieren und echten Kontakten half. So landete Sylvin als Zwangsarbeiter in Berlin, wo er Hunger, Folter und Typhus überlebte.
Seine Wohnungen in St. Pauli – zunächst in der Detlev-Bremer-Straße 24, dann in der Wohlwillstraße 12 – waren Asyle für Verfolgte aus allen Ländern. Er lebte mit seinen Erinnerungen und Traumata, mit Schuld- und Rachegefühlen. Nur mühsam gelang es ihm nach dem Krieg, nicht nach Lemberg/Lwiw abgeschoben zu werden. Für ihn war der Krieg niemals vorbei. Sein Grab befindet sich auf dem jüdischen Friedhof in Ohlsdorf.
Zu Sylvin Rubinstein
https://www.bellastoria.de/sylvin-rubinstein
https://www.spiegel.de/kultur/die-beine-der-dolores-a-f5a3a22f-0002-0001-0000-000007925816?context=issue
Kuno Kruse, Dolores & Imperio. Die drei Leben des Sylvin Rubinstein, Köln 2000 (Verlag Kiepenheuer und Witsch, Taschenbuchausgabe 2003)
Film:
Er tanzte das Leben, Regie: Kuno Kruse und Marian Czura, D 2004
https://www.imdb.com/title/tt0457879/

Barbara
Ossenkopp
Bild: Stiftung
Günter Zint
Barbara Ossenkopp – genannt: Chinesen Babs
Geboren 1943 in Lüneburg, gestorben am 28. Mai 2021 in Djakarta/ Indonesien;
Striptease-Tänzerin, Schauspielerin, Tierschützerin
„Leise und lächelnd haben Spiel und Nacht/ die sich bewegende Schönheit/ vor Erreichen des Ufers – umgebracht.“ Aus einem Gedicht von Anne Serocka
„Das bin doch ich! So empfinde ich mein Leben.“ Das soll Barbara Ochsenkopp über ein Gedicht der Freundin gesagt haben. Es ist mehr als ein Wehklagen über die allgemeine Grausamkeit der Welt oder die Unbarmherzigkeit des Alters – dieser Gedanke kommt, wenn wir an Barbaras Engagement in den letzten drei Lebensjahrzehnten denken.
1961 kam das Mädchen aus der Provinz nach St. Pauli und szenetypisch hatte sie bald einen Spitznamen weg: wg. ihrer hohen Wangenknochen und wohl aufgrund ihres Makeups hieß sie Chinesen-Babs. Sie war nicht nur Teil der Kneipen- und Clubszene, sie wurde regelrecht zur Legende. Erst Bardame, dann Striptease-Tänzerin im Salambo, dann (Laien-) Schauspielerin.
Aus dem Jahr 1974 sind Aufnahmen von zwei sehr unterschiedlichen Rollen erhalten. In Wirklichkeit waren es wahrscheinlich viel mehr, doch zwei bewahrt das Internet. Sie tanzt auf der engen Bühne von Ilja Richters Popshow (lief von 1971 bis 1982 im ZDF) mit lila Hotpants und lila Perücke mit sparsamen Bewegungen. Und sie spielt in dem Film „Dorotheas Rache“ des anti-bürgerlichen Regisseurs Peter Fleischmann eine der beiden Hauptrollen. Eine satirisch-trashige Antwort auf die damalige „Sexfilmwelle“ (auch heute: frei ab 18). Story: ein Mädchen aus Blankenese sucht auf St. Pauli die Liebe. Nach gründlichen Bordell- und anderen Studien gründet sie mit Freunden eine Landkommune bei Stade.
Leider keine Aufnahmen existieren von ihren Auftritten für Betriebsfeiern für die St. Pauli Nachrichten. Sie tanzte durch das Publikum und wer sie angrabschen wollte, bekam eine gewischt. Aber nicht mit der Hand, sondern durch einen Schwenker mit dem Busen.
Anita Berber, der in den Neunzehnhundertzwanziger Jahren Männer und Frauen wg. ihres ebenso „unschuldigen“ wie hemmungslosen Tanzes zu Füssen lagen, war ihr Vorbild. Mitte der 1980er Jahre spielt sie in „Die grausame Frau“ von Elfie Mikesch und Monika Treut u.a. eine Domina. Der Film ist heute ein Klassiker des Queeren Cinemas. Barbara lebt und arbeitet dann ein paar Jahre mit dem Regisseur Peter Hajek in Österreich.
Ende der 1980er Jahre ändert sie ihr Leben. Sie wandert nach Indonesien aus. Sie arbeitet fortan auf einer Auffangstation für „Waldmenschen“, das malaiische Wort Orang Utan bedeutet „Waldmensch“. Die Tierschützerin Ulrike von Mengden hatte dort seit den 1960er Jahren eine Heimat für verwaiste Orang Utans aufgebaut – für Tiere, die dem Landhunger der Palmöl-Plantagenbesitzer zum Opfer gefallen waren. Die „pflichtbewusste Preussin“ wurde fast 100 Jahre alt. Barbara umsorgte sie so gut sie konnte. Sie erkrankte 2021 an Leukämie. Wegen des Pandemie-Lockdowns war jedoch eine Rückkehr nach Deutschland nicht möglich. Dank eines Spendenaufrufs nahm sie eine Klinik in Djakarta auf. Eine Covid-Infektion überlebte sie nicht.
https://de.wikipedia.org/wiki/Barbara_Ossenkopp

Inge Viett
Bild:
Ruth E.
Westerwelle
Inge Viett
Geboren am 15. Januar 1944 in Stemwarde (Kreis Stormarn), gest. am 9. Mai 2022 in Falkensee (Brandenburg); Terroristin, Aktivistin, Autorin.
„Schnell zu Geld kommen? Das hieß: St. Pauli. … Zwei Monate strippte ich in Gerds Bar, zusammen mit sechs weiteren Frauen. … Nirgendwo ist das ökonomische Abhängigkeitsverhältnis der Frauen so ungetarnt, das Warenverhältnis in der Geschlechterbeziehung so nackt, die Liebe und Lust so illusionär wie in den Vergnügungsghettos der Städte. … Ich war das Provinzhäschen, die anderen Frauen waren erfahrene Nachtbar-Arbeiterinnen, schon jahrelang im harten Geschäft mit ihrem Körper. Sie behüteten mich, weihten mich ein in die Tricks und Schliche, brachten mir die Kunst des Trinkens ohne zu trinken bei.“
Zweimal lebt sie in Hamburg. Unterschiedlicher konnten Welten nicht sein: Erst als Haushaltshilfe in einem Villenhaushalt eines Patriarchs übelster Sorte. Dann lockt die beste Freundin Casimir sie nach Hamburg. Die beiden hatten sich im Frauen-Sub IKA-Stuben kennen gelernt. Die übernächste Station ist Berlin-Kreuzberg. Ein abgeranzter Stadtteil mit Kriegsnarben, in dem alle Strassen an der Mauer enden. Alles ist in Bewegung und Aufbruch, in alten grossen Wohnungen: „eine Kultur, Homo-, Künstlerbohème … alle schwammen im Strom der Zeitthemen: sexuelle Befreiung, kollektive Lebensformen, Verwerfung der autoritären Strukturen.“ Viett ist Suchende und Lernende. Zum Wendepunkt wird eine mehrmonatige Reise nach Nordafrika. Die unmittelbare Erfahrung von Elend und die Erkenntnis, dass die „Eliteländer“ sich hier den Grundstoff ihres Luxus widerrechtlich aneignen, drängt sie zu politischem Engagement. Zwei Genossen werben sie 1972 für die „Bewegung 2. Juni“ an. Der Name bezieht sich auf den gezielten Schuss auf den Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967. Kriminalobermeister Kurras beruft sich vor Gericht erfolgreich auf Notwehr. Dieses Unrecht radikalisiert Teile der Studentenbewegung. Zunächst schafft die kleine Gruppe von „Stadtguerilleros“, wie sie sich nennen, Geld für den bewaffneten Kampf heran. Dann basteln sie Bomben. Inge Viett beteiligt sich an einem Anschlag auf den britischen Yachtclub in Berlin, eine Antwort auf mörderische englische Polizeigewalt in Nordirland („Bloody Sunday“).
Die Bombe ist nicht richtig programmiert, anstatt in der Nacht den leeren Offiziersclub in die Luft zu jagen, tötet sie anderntags den Hausmeister. Mehrfach wird sie verhaftet, mehrfach kann sie fliehen. Sie lebt im Untergrund. Als sich die Bewegung 2. Juni 1980 auflöst, schliesst Viett sich der Roten Armee Fraktion an. Eine Distanz zur RAF wird sie behalten: „Ich fand vieles richtig, aber ich mochte sie (die RAF) nicht.“ Die Zeit in der Bewegung 2. Juni ist geprägt von Entschlossenheit, die alte Gesellschaft zu stürzen und dem Wissen um die gerechte Sache. Und Romantik. Im Tegeler Forst üben sie Schiessen. In Österreich entführt die kleine Gruppe einen Unternehmer und lässt ihn gegen Lösegeld wieder frei. Allgegenwärtig sind Spitzel des Verfassungsschutzes. 1978 befreien sie Häftlinge. Aufenthalte in Prag, Bagdad und im Jemen. 1981 schießt sie in Paris auf einen Polizisten, der sie wegen Moped-Fahren ohne Helm angehalten hatte. Exotisch erscheint ihr Aufenthalt von 1982 bis 1989: durch Kontakte zur DDR-Staatssicherheit lebt sie mit falschem Namen und erfundener Biographie in der DDR. Glückliche Jahre. 1992 wird sie wg. der Schüsse auf den Pariser Polizisten zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt. Sie kommt 1997 frei. Die Autobiographie erscheint noch während ihrer Haft. Weitere Bücher folgen. Sie distanziert sich nie von der RAF und von militanten, also gewalttätigen Aktionen. Allerdings sei bewaffneter Kampf politisch nur gerechtfertigt, wenn er „von einem tragfähigen Teil der Bevölkerung für notwendig gehalten“ werde.
Inge Viett, Nie war ich furchtloser – Autobiographie, Reinbek 1999, S. 65f

Angie
Stardust
Bild:
Eckart Bühler
Angie Stardust
Geboren am 23.12.1939 in Virginia/ USA, gestorben am 21.10.2007 in Hamburg;
Sängerin, Entertainerin.
„Ohne Gott in mir zu sein, hätte ich das nicht geschafft. Konnte ich das nicht schaffen. Gott hat Alle geschaffen und ich kann mir nicht vorstellen, dass (…) ich bin ein mistake von Gott“ (Angie).
Zweimal war sie die Erste: In Rosa von Praunheims Film „Verlorene Seelen“ aus dem Jahr 1983 ist sie die erste Transsexuelle, die über sich und von sich erzählt. Ein berührender Monolog über scheinbar ferne Zeiten. Siebenmal wurde Angie wegen des Tragens von Frauenkleidung ins Gefängnis geworfen. Im Club 82, einem bekannten New Yorker Nachtclub, in dem „female impersonators“ - in Deutschland hieß das damals „Damenimitatoren“ - ein überwiegend heterosexuelles, weisses Publikum bespaßten, ist sie die erste schwarze Künstlerin. Da ist sie noch Teenager. Mit 14 stand sie schon auf der Bühne.
Geboren wurde sie als Philipp Bailey in Virgina. Sie wuchs in Haarlem, New York, auf. Immer fühlte sie sich weiblich. In ihrem Monolog in „Verlorene Seelen“ - eine irre Party von US-Amerikaner*innen in West-Berlin - berichtet die „Hamburger Königin“ Angie Stardust von ihrem prügelnden Vater und ihrer Mutter, die sie nicht schützte. Der Film zeigt sie in inniger Umarmung mit einer Frau. Es gibt Debatten über Geschlechts-Identitäten und Begehren, über Rassismus und Nazis früher und heute, es wird nackt an der Berliner Mauer getanzt, bis die Polizei kommt – und in Angies Imbiss wird absolut ungenießbarer Fraß gemixt und serviert. Angies Stimme hebt sich umso deutlicher ab. Ihr unverwechselbarer Soul, lebensfreudig, verletzlich. Und königlich. Da hat sie den Glamour schon nach Hamburg, nein, nach St. Pauli gebracht.
Vielleicht war in ihrem Leben auch alles drin wie in Praunheims Film. Die ersten Hormone bekommt sie von einer Freundin. Sie tritt in Clubs in Cannes, Marseille und Paris auf. In den 1970ern kommt sie nach Deutschland. Sie muß immer mal wieder ihren Körper verkaufen. Eine Begabung fürs Geschäft und fürs bürgerliche Leben mit Krankenkassen- und Behördenchallenge fehlte ihr leider. Sie mochte Tequila, trank aber vor und während der Auftritte konsequent nichts. Lange Jahre sang sie im Hamburger Pulverfass. Hier förderte sie der Gründer des ältesten deutschen Travestie-Lokals, Heinz-Diego Leers. Das war noch in St. Georg, wo er 1973 am Pulverteich das Cabaret eröffnete. (Erst 2001, nach Angies Zeit, zog es an die Reeperbahn um.) Leers war seinem schwarzen Star auch freundschaftlich verbunden. Die Betreiber des Schmidt Theater sahen Angie auf der Pulverfass-Bühne und wollten sie für ihr neues Projekt – am 1. November 1991 eröffnete über dem alten und wieder aufgemöbelten Tivoli-Theater „Angies Nightclub“. Ein nostalgischer, schummriger, aber stilvoller Laden, irgendetwas zwischen Gründerzeit und Fünfziger Jahre. Ihr langjähriger Kollege und Freund Uwe Christiansen, damals Baarkeeper im Angies Nightclub, hält Angies fünf Hamburger Jahre, in dem sie im eigenen Club auf dem Spielbudenplatz empfing und mit ihrer Casablanca Band groovt, rockt und bluest, für ihre besten. Das erste Separee vorne rechts ist Angies. Promis drängelten sich hier. Viele wollten in dem einzigartigen Lokal auftreten. Angie förderte junge Talente und sang auch mit vielen – wie etwa mit Marla Glen und Roger Cicero.
Zunehmend hatte sie mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Das wohl Schlimmste: sie verlor ihre Stimme. Nach mehreren Schlaganfällen war sie ihre letzten zehn Jahre auf den Rollstuhl angewiesen. Sie blieb „eine Erscheinung“.
In Nachrufen hieß es: „Der Kiez verliert seinen schillerndsten Stern.“
Quellen:
Aufsatz von Niki Trauthwein, Loccumer Protokolle Pelikan 1/2017
https://www.rpi-loccum.de/material/pelikan/pel1-17/1-17_trauthwein
https://www.youtube.com/watch?v=sFYsDnnPIyA (daraus das Zitat);
Film von Rosa von Praunheim von 1983 „Stadt der verlorenen Seelen“;
Interview mit Uwe Christiansen am 12.1.2023

Simone Buchholz
Bild:
Gerald von Foris
Simone Buchholz
Geboren am 10. März 1972 in Hanau, lebt und arbeitet seit 2001 auf St. Pauli.
Journalistin, Schriftstellerin.
„… ich hatte von Anfang an das Gefühl, hier gehen von meinen Füßen Wurzeln in den Boden rein. Von meinem Schlafzimmer höre ich die Schiffe; nachts leuchtet der Hafen. St. Pauli hat eine hohe Widerstandskraft gegen Gentrifizierung. Die Leute mit dem Geld werden ausgespuckt oder assimiliert.“
Jetzt hat sie Chastity Riley, die in zehn Kriminalromanen ermittelnde Staatsanwältin erstmal alleine gelassen. Die muß jetzt ohne ihre Schöpferin von St. Pauli aus Sprüche raushauen, trinken, rauchen. Die angeblich gesundheitsschädlichen Verhaltensweisen hatte Buchholz in ihre Ich-Erzählerin ausgelagert. Riley hat ihren Namen von ihrem US-amerikanischen Vater, einem Besatzungssoldat. Und irgendwie auch von literarischen Wahlverwandtschaften, eine heiszt Dorothy Parker.
Buchholz säße nun gern allein in einer Bar, checkte Leute, ermittelte den Grad ihrer Verzweiflung, dichtet ihnen vielleicht ihnen eine Biographie oder einen Monolog an.
Und Riley, die gewissermassen immer über den Rand gemalt hat, schmeisst sie vielleicht hin? In „Beton Rouge“, dem siebten Krimi ohne irdische Gerechtigkeit, voller erlittener Demütigungen und Rache als starkes Motiv fragt Riley sich: „… wie manche Leute so ein Leben überhaupt aushalten, in dem nie, aber auch wirklich niemals über den Rand gemalt werden darf.“
chon der letzte Chas Riley-Roman, „River Clyde“ von 2021 zeigte starke Realitäts- und Genre-Auflösungserscheinungen. Der Flusz Clyde, der durch Glasgow fliesst, war eine sprechende Person. Skulpturen sprachen. 2022 dann „Unsterblich sind nur die anderen“, eine Fähre über den Nordatlantik, zwei Frauen auf der Suche nach verschollenen Freunden, eine Parallelwelt ohne Ausgang.
Warum nochmal Krimi? Der Krimi kann Strasse – regenglänzende Dialoge, kaputte Typen, kurze Sätze. In die jede Menge Schmerz und Weisheit passen. Und Krimi kann Kritik, Kritik an Gesellschaft, an Politik und an den real existierenden Arschlöchern. Im Kern immer Ausbrüche von Gewalt, von männlicher Gewalt, die eine Eskalation unter Männern ist und Folge gescheiterter Kommunikation. Top Thema der gängigen Krimis ist der Mord an Frauen und nicht selten wird die Gewalt zelebriert. Buchholz hingegen schildert keine Gewalt an Frauen.
Der Literaturbetrieb ist nach wie vor von Ungleichheit bestimmt. Der Markt ist überwiegend weiblich: Leserinnen, Buchhändlerinnen und Verlagsmitarbeiterinnen. Doch Honorare, Stipendien und mediale Aufmerksamkeit gehen vor allem an Männer. Buchholz leuchtet auch diese Ungerechtigkeit aus. Zweimal wurde Buchholz mit dem deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Die gelernte Journalistin recherchiert gründlich in den Milieus und bei der Polizei
Befragt nach ihrer weiblichen Superpower entwirft Buchholz souverän und lakonisch das Bild der HEXE, einer autonomen Frau. Einer Frau, die über besondere Kräfte verfügt, die gern alt wird. Was Männer vorsichtig werden läszt.
Eigentlich erstaunlich, dass diese packenden Verbrechens-Stories, erzählt in kurzen schnellen Schnitten, nicht längst verfilmt sind. Verhandlungen gab es. Aber eigentlich ist es auch wieder nicht erstaunlich. Denn das ist ja nun wirklich unvorstellbar: im deutschen Fernsehen eine Frau, die raucht, trinkt und selbstbestimmten Sex hat.

Elfriede
Lohse-Wächtler
Pathos
Elfriede Lohse-Wächtler
Elfriede Lohse-Wächtler wurde am 4. Dezember 1899 als Anna Frieda Wächtler in Dresden geboren und am 31. Juli 1940 in Pirna (Sachsen) ermordet. Lohse-Wächtler gehört zu den bedeutendsten deutschen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie malte und zeichnete auf St. Pauli.
„Wenn ich sehe, was die Menschen treiben / will mein Atem stocken bleiben. […] Wenn mir auch die anderen grollen / ich allein weiß, wer ich bin.“ Lohse-Wächtler, 1932
Ihr kurzes Leben war geprägt von Lebenshunger, Unkonventionalität und einem Willen zu eigenständiger Kunst. Seelische Verletzungen, Einsamkeit und materielle Not rieben sie auf. Sie gehörte zu den ersten Frauen, die eine reguläre künstlerische Ausbildung absolvieren konnten. Beginnen musste sie auf väterlichen Wunsch ein Studium an der Königlichen Kunstgewerbeschule in Dresden im Fach „Mode und weibliche Handarbeiten“. Ein Jahr später konnte sie zur Angewandten Graphik wechseln. Mutig verweigerte sie sich weiblichen Rollenerwartungen, sie schnitt sich die Zöpfe ab, zog von zu Hause aus, trug ungewöhnliche selbstgeschneiderte Kleidung, tanzte Ausdruckstanz, rauchte Pfeife und Zigaretten und nannte sich ab 1917 Nikolaus Wächtler – daraus wurde „Laus“. Nach dem Ersten Weltkrieg knüpfte sie Verbindungen zu Künstler:innen der Dresdner Sezession.
1921 heiratete sie den Maler und Sänger Kurt Lohse. Das Geld musste sie verdienen, er gab lieber Geld aus. 1923 die erste Trennung. Als er an Tuberkulose erkrankte, pflegte sie ihn.
1926 ging sie nach der zweiten Trennung von Lohse nach Hamburg. Es wurde die produktivste Zeit ihres Lebens, wenngleich sie in ärmlichsten Verhältnissen lebte, die ihre Gesundheit ruinierten. Auf St. Pauli lebte sie in Gesellschaft von Außenseiter:innen, es entstanden Porträts von Prostituierten und anderen gesellschaftlich Verachteten. Bislang hatten sich nur männliche Künstler diesen Themen zugewandt. Ihr Ehemann bekam das erste Kind mit einer anderen Frau; sie selbst hatte sich Kinder gewünscht.
1929 erlitt sie einen Zusammenbruch. Sie verbrachte zwei Monate in der Psychiatrie der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg, die Therapie bestand überwiegend aus Bettruhe in einem Krankensaal. Dennoch stabilisierte sie sich etwas. Eine Ausstellung gab ihr neuen Mut. Es folgten Zeiten großer Not und Obdachlosigkeit. Sie vereinsamte. 1931 kehrte sie ins ungeliebte Elternhaus nach Dresden zurück. Ein Jahr später wurde sie auf Betreiben des Vaters in die geschlossene Abteilung der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Arnsdorf eingewiesen. Sie zeichnete und malte weiter. Ihr wurde zeittypisch die Diagnose „Schizophrenie“ zugeordnet.
Kurt Lohse ließ sich „wegen unheilbarer Geisteskrankheit“ von ihr scheiden. Sie war nunmehr ungeschützt. Sie wurde entmündigt. Ende 1935 wurde sie – nach dem 1933 erlassenen „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ – zwangssterilisiert. An Körper und Seele zerstört, versiegte ihre Schaffenskraft. 1933 hatte sie an die Mutter von ihrer Angst geschrieben, in der Anstalt zugrunde zu gehen, wo „nie auch nur ein Mensch ein wirkliches Wort mit mir gesprochen“ habe. Ein Jahr später fragte sie: „Wie ist es möglich, auch mich in eine Lage zu bringen, die auch außer aller Würde steht?“ Wie in der Friedrichsberger Anstalt zeichnete sie ihre Mitpatientinnen, empathisch, eindringlich, ein Blick auf einsame, entrückte Frauengestalten am Un-Ort der Anstalt, ohne jede Rückzugsmöglichkeit.
Am 31. Juli 1940 wurde sie von Arnsdorf nach Sonnenstein bei Pirna verlegt. Die psychiatrische Anstalt am Elbufer war eine von sechs Tötungsanstalten im Deutschen Reich, in denen ab 1940 Ärzte und Schwestern als krank deklarierte Menschen mit Kohlenmonoxid ermordeten. Ein Grab existiert nicht – ebenso wenig wie für die anderen 14.751 dort ermordeten Frauen und Männer.
Literatur:
https://www.stsg.de/cms/pirna/biografien/elfriede-lohse-waechtler
https://prinzhorn.ukl-hd.de/presse/aktuell/ankauf-elfriede-lohse-waechtler/
Dirk Blübaum, Rainer Stamm, Ursula Zeller (Hg.), Elfriede Lohse-Wächtler 1899–1940, Tübingen 2008 (Ausstellungskatalog Zeppelin-Museum Friedrichshafen und Paula Modersohn-Becker Museum Bremen)
Boris Böhm, „Ich allein weiß, wer ich bin“. Elfriede Lohse-Wächtler 1899–1940 – ein biographisches Porträt, Pirna 2003 (Ausstellungskatalog des Stadtmuseums Pirna und der Stiftung Sächsische Gedenkstätten / Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein)
Boris Böhm, Wollen wir leben, Das Leben! Elfriede Lohse-Wächtler 1899–1940. Eine Biographie in Bildern. Hg. vom Kuratorium Gedenkstätte Sonnenstein e. V., Dresden 2009 (Sandstein Verlag)
Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft (Hg.), „… das oft aufsteigende Gefühl des Verlassenseins“. Arbeiten der Malerin Elfriede Lohse-Wächtler in den Psychiatrien von Hamburg-Friedrichsberg (1929) und Arnsdorf (1932–1940), Dresden 2000 (Verlag der Kunst, Dresden)
Georg Reinhardt (Hg.), „Im Malstrom des Lebens versunken …“ Elfriede Lohse-Wächtler 1899–1940. Leben und Werk, Köln 1996 (Wienand Verlag)

Anna Simon
Bild:
St.Pauli-Theater
Anna Simon
Geboren am 3. August 1892 in Hamburg als Anna Schwarz, sie starb am 16. Dezember 1964. Anna Simon war 40 Jahre lang Chefin des St. Pauli-Theaters.
„Sie war die Chefin, wie sie im Buche steht. Eine unglaublich faszinierende, dominante Persönlichkeit, die keinen Hehl daraus machte, daß sie ihre Position genoß und einen gewissen Pomp brauchte. […] Wenn sie den Raum betrat, mußten die Anwesenden aufhören zu reden, zu essen oder was auch immer. […] Man hatte manchmal das Gefühl, sie leite nicht das St. Pauli-Theater, sondern die Oper.“ – So Sven Simon über sie, Enkel von Anna Simon.
Anna Schwarz kam als Tochter eines Straßenbau-Unternehmers in Hamburg-Hohenfelde zur Welt. Das Plattdeutsche war eine ihrer Muttersprachen. Nach St. Pauli und zum Theater kam sie 1915 durch Heirat mit dem 17 Jahre älteren Siegfried Simon. Der war Schauspieler und leitete das Flora-Theater am Schulterblatt. Als er Soldat werden musste, vertrat sie ihn. 1921 kaufte das Ehepaar das Theater am Spielbudenplatz, das damals nach dem ehemaligen Prinzipal Ernst-Drucker-Theater hieß. Das Theater war ein reines Privattheater, das auf Missingsch und Platt, auf Situationskomik, schräge Typen und derbe Späße setzte – und ein Publikum hatte, das mitspielte. Ein Beispiel: Als in einem Stück mit dem recht typischen Titel „Die gepeitschten Pfandweiber“ ein Mann den Befehl zum Peitschen erteilte, stellte sich vor ihn an den Bühnenrand eine aufgebrachte Zuschauerin und rief: „Du verdammtes Oos!“
Anna Simon war die erste Hamburger Theater-Chefin überhaupt. Sie stand schon bald allein da, denn Siegfried starb 1924. Nicht nur allein mit dem großen Theaterbetrieb, sondern auch mit dem achtjährigen Kurt und der sechsjährigen Edith. Beide stiegen später in den Betrieb ein. Anna Simon managte alles: Schauspieler*innen, Autor*innen, Dekoration, Kostüme, Kasse. Mit einem guten Gespür für die Wünsche des Publikums. Und sparsam. So sagte man über sie: „Se holt den Dumen opn Geldbüdel.“
Der größte Hit ab 1940 war ein „Volksstück mit Musik“ über die Außenseiterin und das spätere „Original“ Johanne Henriette Marie Müller, genannt „Zitronenjette“, die von 1841 bis 1916 in Hamburg gelebt hatte. Die lernbehinderte und kleinwüchsige „Jette“ musste von Kindesbeinen an Zitronen verkaufen. Die Aufführungen waren wahrscheinlich auch deshalb so große (Lach-)Erfolge, weil die „Zitronenjette“ häufig von einem Mann verkörpert wurde. Anna Simons Theater wurde zum 100-jährigen Jubiläum, das war 1941, von den Nationalsozialisten in St. Pauli-Theater umbenannt. Ernst Drucker galt ihnen als „jüdisch“. Anna Simons im Theater mitarbeitende Kinder galten nach den Nazi-Rassegesetzen als „halbjüdisch“ und ihre Namen sollten nicht in der Öffentlichkeit erwähnt werden.
1944 mussten alle deutschen Theater schließen. Das St. Pauli-Theater war als einzige der Bühnen am Spielbudenplatz unzerstört geblieben. Nach dem Zweiten Weltkrieg durfte Anna Simon als Erste in Hamburg ihr Theater wieder aufmachen. Am 29. August 1945 begeisterte wieder die „Zitronenjette“ ein amüsierwilliges Hamburger Publikum, mit einem Mann in der Titelrolle. Die Leute, hieß es, „lachen sich weg“. Ab 1955 war es Christa Siems, die in der Rolle der Zitronenjette das Publikum Tränen der Rührung und der Freude vergießen ließ.
1957 verlieh der Hamburger Senat Anna Simon die „Medaille für treue Arbeit im Dienste des Volkes“ (ein Hamburger Orden). Anna Simon wohnte damals in der feinen Isestraße, Nummer 115. Sie starb an Krebs nach einem enorm arbeitsreichen Leben. Ihr Grab befindet sich auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Das St. Pauli-Theater ist heute Hamburgs ältestes noch bestehendes Theater.
Marilen Andrist, Das St. Pauli-Theater. 150 Jahre Volkstheater am Spielbudenplatz, Hamburg 2000 (Galgenberg Verlag)
https://www.hamburg.de/frauenbiografien/

Marta Halusa und
Margot Liu
Bild:
Labo Berlin, BEG-Akte
Reg.Nr.:64829
Marta Halusa und Margot Liu
Marta Halusa, geboren am 3. Juli 1910 in Brunsbüttelkoog, gestorben am 24. Juli 1999 in London. Margot Liu, geboren als Margot Johanna Holzmann am 16. Januar 1912 in Ratibor in Schlesien (heute Racibórz, Polen), gestorben am 1. Juni 1993 in London. Beide waren Tänzerinnen.
„Ein Einschreiten der Polizei erscheint im Interesse der Allgemeinheit geboten.“ – Aus einem Bericht der Berliner Kriminalpolizei 1942.
Es war ihr Wunsch, in einem gemeinsamen Grab zu ruhen. Wer den Nord-Londoner Friedhof Edgwarebury besucht – etwa, um für Amy Winehouse eine schwarze Rose abzulegen –, findet hier ein Doppelgrab für ein Frauenpaar. Auf dem Grabstein sind oberhalb und unterhalb der Inschriftenplatte ihre Kosenamen zu lesen: Mocky und Peter. Margot nannte sich Mocky und Marta nannte sich Peter. Die Bonner Historikerin Ingeborg Boxhammer hat ihrer beider Leben erforscht und nachgezeichnet. Es ist einigermaßen abenteuerlich und, was ihre besten (Tänzerinnen-)Jahre angeht, äußerst empörend. Beide wurden mehrfach verhaftet und teilweise gefoltert, sie lebten im Untergrund, sie flohen. Es gibt leider keine Berichte oder Briefe der beiden, daher muss vieles im Ungewissen bleiben. So fällt es schwer, sich vorzustellen, wie die beiden von 1938 bis 1945 überlebt haben.
Die sportliche Marta stammte aus einer evangelischen kinderreichen kommunistischen Arbeiterfamilie. Mehr als der Besuch der Volksschule war nicht möglich. Sie schlug sich danach als Küchenhilfe durch. Nebenbei lernte sie tanzen. Die elegante Margot, aus einer kleinbürgerlichen jüdischen Familie stammend, musste nach dem frühen Tod der Mutter eine Ausbildung zur Säuglingsschwester machen. Dabei wollte sie nur eins: tanzen. Ab 1929 konnte sie eine Ballett-Ausbildung in Halle an der Saale absolvieren.
Die Frauen lernten sich um 1932 im Alkazar an der Reeperbahn kennen. Das legendäre Varieté befand sich am Ort des heutigen „Kiez-Penny-Marktes“. Hier tanzte Anita Berber ihre „Tänze der Ekstase“, hier verwirrte und begeisterte Josephine Baker ein großes Publikum. Morgens um vier wurde ein Leuchter mit nackten Tänzerinnen herabgelassen – und irgendwo dazwischen verliebten sich Marta, die als androgyner Peter mit Fliege, Frack und Zylinder steppte, und Margot, die als Pepita in geschlitzten und Volant-reichen Kostümen auftrat, ineinander. Fortan tanzten und lebten die beiden zusammen.
Margot alias Pepita war sehr erfolgreich: Tourneen führten sie nach Leipzig, Prag, Frankfurt am Main und Dänemark. Sie konnte sich sogar einen eigenen Wagen – einen roten Opel Cabrio – leisten. Ende 1938 durften Menschen jüdischen Glaubens keine Automobile mehr besitzen. In diesem Jahr war Margots Karriere als Tänzerin so gut wie beendet. Nach einer Scheinehe mit einem chinesischen Staatsbürger hieß sie mit Nachnamen Liu. Beiden Frauen wurden Vergehen nach dem gerade verschärften § 361,6 Strafgesetzbuch vorgeworfen, der Prostitution kriminalisierte. Der Vorwurf der Prostitution, den beide Frauen nicht mehr loswurden, wurde ausdrücklich mit dem „gesunden Volksempfinden“ begründet. Ein Verdacht reichte völlig aus. Eine gemeinsame Ausreise gelang nicht. Mehrfach wurden sie als Lesben denunziert. Listen frauenliebender Frauen existierten seit 1935. Anders als männliche Homosexualität war lesbische Liebe im Deutschen Reich nicht strafrechtsrelevant, Verfolgung gab es trotzdem. Nach dem Krieg konnten die beiden, traumatisiert und schwer angeschlagen, in London ein neues Leben beginnen. Sie kämpften erfolgreich um eine sogenannte „Wiedergutmachung“ und konnten fortan materiell abgesichert zusammen leben. In den Anträgen mussten sie die Verfolgungsgründe Prostitution und lesbische Liebe verschweigen. Ein deutscher Beamter schrieb 1954 zunächst als Verweigerungsgrund, rot unterstrichen, „amoralische Lebensführung“ in die Akte.
Ingeborg Boxhammer, Marta Halusa und Margot Liu. Die lebenslange Liebe zweier Tänzerinnen, Berlin 2015 (Verlag Hentrich und Hentrich, Reihe: Jüdische Miniaturen)
https://www.lesbengeschichte.org/Englisch/bio_halusa_liu_e.html

Bengta
Bischoff
Bild ca. 1965
Bengta Bischoff
Geboren am 4. April 1909 in Hamburg, gestorben am 3. April 1987 in Kaltenkirchen bei Hamburg. Autorin von „Das gelbe Haus am Pinnasberg oder die 36 Eros-Brüder von St. Pauli“, erschienen 1970.
„[…] die lüsterne Petra saß breitbeinig da und trank einen Cocktail nach dem anderen.“ (S. 41)
Von der Hamburger Kapitänswitwe und Hausfrau gibt es drei trashige Romane, von denen der mittlere – „Das gelbe Haus am Pinnasberg“ – der bekannteste ist. Erst mit 60 Jahren schrieb sie diesen ihren Erfolgsroman. Sie wohnte in der Nähe der Herbertstraße.
Der Roman um ein Bordell, in dem Männer arbeiten und Frauen sie für sexuelle Dienstleistungen bezahlen, entstand angeblich auf Anregung des Hamburger Schriftstellers Peter Rühmkorf, der sich „in den literarischen Untergrund“ aufmachte – so lautet der Untertitel seiner 1969 erschienenen Sammlung „Über das Volksvermögen“.
Der Roman erschien in der Zeit von Aufbruch, Revolte und Revolutions-Hoffnung. Es war auch die Geburtsstunde der Neuen Frauenbewegung (wozu Bengta Bischoff sich sicherlich nie gezählt hätte). Der Roman erschien zuerst in der linken Studierenden-Zeitschrift „Konkret“, die damals zunehmend auf Sex in Bild und Wort setzte. Für „Konkret“ schrieben linke Aktivist:innen, unter ihnen Ulrike Meinhof. Also eine heute wohl befremdlich erscheinende Mischung, die von der DDR subventioniert wurde.
Das Vorwort der Buchausgabe rühmt die „groteske Mischung aus genauester Milieuschilderung und Wunschutopie“. Man(n) hoffe, mit dem kleinen Roman „einen krampflösenden Beitrag zur sonst so bierernsten Emanzipationsdiskussion“ zu liefern.
Bereits im selben Jahr erschien der Film zum Buch, der „das gelbe Haus“ und den Pinnasberg enorm populär machte. Regisseur war der durch seine trashigen Edgar-Wallace-Verfilmungen bewährte Alfred Vohrer, der ein paar seiner Stars zum Set brachte. Durch die Filmerzählung führt Bengta Bischoff höchstselbst, ein interessanter Kontrast zur Sexkomödie um die Liebesdiener und Liebeskäuferinnen. (In Wirklichkeit gab und gibt es kein solches Bordell.) Der Film zeigt ein raues und ranziges St. Pauli, das es so nicht mehr gibt. Auch das (gelbe!) Haus, vor dem Bengta Bischoff im Film spricht, ist in den 1980er Jahren durch einen Neubau ersetzt worden. Der Regisseur erlaubt sich die Freiheit, es am Ende einstürzen zu lassen. Übrigens erinnert die gelbe Fassade des Parkhauses gegenüber an den Mythos.
Wichtige Fragen: Warum gehen die Frauen in ein Haus, um Hetero-Sex zu kaufen? Und worin besteht die Dienstleistung?
Sie tun es aus Gesundheitsgründen. Die Frauen sprechen allgemein von einer „Wohltat“. So geht’s der Kundin Alma Brandes aus der Paul-Roosen-Straße, sie kommt zweimal wöchentlich. Der Therapie-Erfolg: „[…] wie gut, daß es den Männerpuff gibt. Ich bin meine ganzen Mitesser los.“ (S. 15) Auch gegen Unruhe, bei Durchblutungs- und Verdauungsstörungen hilft der Besuch auf dem Pinnasberg.
Die „Erosbrüder“, wie Bischoff sie nennt, oder „Zibellis“ (nach dem gleichnamigen Bordellchef) nutzen künstliche Penisse für ihren Job:
„[Mister Brown] trug, wie alle Zibellis, am Tage bei der Arbeit einen künstlichen Penis, der mit Haferschleimsuppe gefüllt ist und bei einem Druck am Gürtelknopf sich öffnet und etwas über die Besucherin ergießt. Diese Penisse sind von einer bekannten pharmazeutischen Firma geliefert und fühlen sich an wie rohes, hartes Fleisch. Beim Druck eines zweiten Knopfes werden sie steif und geschmeidig. Es ist eine enorme und wunderbare Erfindung für alle Puffs, Eheleute […].“ (S. 29)
Bengta Bischoff, Das gelbe Haus am Pinnasberg oder die 36 Eros-Brüder von St. Pauli, Hamburg 1970 (Konkret-Verlag)
https://www.spiegel.de/kultur/kurz-kp-a-ddecd34f-0002-0001-0000-000045292021
https://de.wikipedia.org/wiki/Bengta_Bischoff
https://www.filmdienst.de/film/details/9026/das-gelbe-haus-am-pinnasberg
https://www.filmportal.de/film/das-gelbe-haus-am-pinnasberg_dc55e0c355a74be8ae94b2aef543d1bd
